Österreichs Eroberung Deutschland zu vergrößern, würde damit seinen politischenUnverstand dokumentieren. Dentschland und Österreich vereinigt wären die besteFriedensbürgschaft für Europa, so habe er immer gedacht, und werde er immerdenken; schon deshalb habe er nicht geduldet, daß im Jahre t866 Österreichauch nur eine Scholle Landes genommen werde, da dann eine Mißstimmungfür lange Zeit entstanden wäre, während jetzt schon ein enges Zusammengehendenkbar und möglich sei.
Wenn die Beziehungen zwischen dem Berliner und Petersburger Hose intimerseien als zwischen dem Berliner und Wiener Hofe, so sei das den engen Familicn-verbindungen zuzuschreiben, die zwischen dem deutschen und russischen Kaiserhausebestehen.
Selbst ein Verfassungsverhältnis zwischen Österreich und Deutschland seidenkbar, wohl aber nicht gemeinschaftliche Zölle. Sind Österreich und Dentsch-land einig, so sind sie gemeinschaftlich jedem Feinde, sei es Frankreich oder Ruß-land, gewachsen. Solche Ideen habe er dem Kaiser Franz Joseph bei seinerersten Begegnung mit ihm nach dem Jahre 1866 mitgeteilt.
Was die Verhandlungen mit Rom betreffe, so sei der Tod des KardinalsFranchi ff sehr zu bedauern gewesen, mit ihm wäre wohl bald der Abschlußeines Vertrages möglich geworden, nach seinem Tode habe sich alles geändert.Man habe von ihm (Bismarck) verlangt, als Basis für die Verhandlungen dieAufhebung der Maigesetze und die Wiederherstellung der Verfassungsparagraphenzuzusagen, das sei unmöglich.
Eine prinzipielle Einigung sei ja nie mit auch nur einiger Dauer zwischenKirche und Staat erreicht worden. Er habe auch mit Masella verhandelt, dassei noch ein junger, lebhafter Diplomat und ganz Italiener. Der Schriften-wechsel mit Rom dauere fort, bisher sei durch denselben gar nichts erreichtworden. Er habe nun den Bischof von Rottenburg, Herrn Hefele verlangt, dersei ihm als gescheiter Mann bekannt, mit dem könnte man leicht hier verhandeln.Er hielte es für das beste, im Benehmen mit Rom die erledigten katholischenPfarreien zu besetzen, dann würde er einen Gesandten beim Vatikan beglaubigen.
Was die Civilehe betreffe, könne er nur sagen, daß er, als die Vorlage andie preußischen Kammern gelangte, in langem Urlaub in Varzin gewiesen sei.Roon sei damals Ministerpräsident gewesen, habe den Kaiser zur Ermächtigung,die Vorlage den Kammern zu machen, veranlaßt, dann aber allerdings von ihm(Bismarck) verlangt, daß er die Vorlage mit gegenzeichne, und für den Fall, daßer dies nicht thuu wolle, mit seiner Entlassung und jener Camphausen's undFalk's gedroht. Eine neue Ministeriumbildung sei damals unmöglich gewesen,und da habe er nachgegeben, wenngleich er kein Freund der Civilehe sei; er
') Alescmdro Frcmchi, unter Leo XIII. erster Staatssekretär, der ün Gegensatz zu deinschroffen Auftreten Pins IX. mit Zustimmung des Papstes eine gemüßigte Politik einschlngund in Preußen schon nicht unbedeutende Erfolge erzielt hatte, wurde plötzlich am 80. Znli1878 durch einen Anfall von Sumpfficbcr (nicht ohne Verdacht der Vergiftung) dahingerafft,