292 Die erste Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
war eben noch zu groß, um die Nationalliberalen zum Kompromiß mit den Kon-servativen zu stimmen.
Was das Sozialistengesetz betrifft, so ist nun allerdings der Wille vor-handen, ein solches zu stände zu bringen. Dte Wähler haben auch in Nord-deutschland vielfach ihren Willen dafür deutlich ausgesprochen. — Allein Ver-besserungen, Milderungen sind notwendig, und darüber habe ich noch keine Be-ruhigung, ob man nicht von gewisser Seite innerhalb der Nationalliberalen soeinschneidende Änderungen vorznuehmen beabsichtigt, daß das Gesetz am Endefür Bismarck unannehmbar wird. Erschwert wird die Wirksamkeit der Freundedes Entwurfs durch die Unberechenbarkeit und Zurückhaltung Bismarck's. Heuteist die erste Lesung und man weiß zur Stunde noch nicht, ob Bismarck auftretenund die Punkte' bezeichnen wird, die für ihn unangreifbar sind. Wüßte mandieselben beizeiten, so glaube ich, wurden viele Nationalliberale sie zugestehen.Wartet er aber, bis man sich in Amendements verbissen und sich für Beschlüsseengagiert hat, dann ist eine Verständigung viel schwerer. — Allein man weiß janicht einmal, ob Bismarck nicht eine nochmalige Auflösung wünscht, um dieNationalliberale» noch mehr zu schwächen! Morgen wird nun der Entwurf aneine Kommission verwiesen werden, der ich keiuenfalls angehören werde. Ich möchtemir meine Ansichten möglichst lange offen halten. Die Thätigkeit der Kommissionwird auf 8—10 Tage geschätzt.
Berlin, den 18. September 1878.
Montag vor acht Tagen haben die Sitzungen des Reichstags begonnen,heute wurden dieselben vorläufig ausgesetzt, bis die Kommission über das Sozia-listengesetz ihren Bericht erstattet haben wird. Unbedingt zustimmend verhaltensich die beiden konservativen Fraktionen, verneinend das Centrum und der Fort-schritt. Die nationalliberale Partei hat somit die Sache in der Art in der Hand,daß ca. 30 Mitglieder derselben das Gesetz zu Fall bringen können. Beim Zu-sammentritt des Reichstags war die Stimmung der nationalliberalen Führer(Forckenbcck, Bennigsen n. s. w.) noch eine ziemlich gereizte wegen der allerdingsheftigen Angriffe, die sie bei den Wahlen insbesondere in Norddeutschlaud seitensder Konservativen und des Reichskanzlers resp. seiner Preßorgane zu erduldenhatten. Diese Stimmung machte sich bei der Wahl des Präsidiums bemerklich.Mir schien cs im Interesse des Reichs von Wert zu sein, daß die drei staats-erhalteuden Parteien (Deutschkonservative, deutsche Reichspartei und National-liberale) schon hier ihr Zusammengehen dokumentierten, daß daher den Deutsch-konservativen der erste Vize-Präsident zngestanden werden solle. Nachdem Stauffen-berg nach mehreren halben Erklärungen endlich die Ablehnung seinerseits un-bedingt erklärt hatte, schien man darin einig zu sein, die Wahl des ersten Vize-Präsideuten den Fraktionsgenossen frei zu geben. Zn diesem Falle hätten etwa25 Mitglieder der narionalliberalen Fraktion sofort für Seydewitz gestimmt, erwäre mit den Ultramoutanen in die engere Wahl gekommen und folgeweise ge-wählt worden. Da trat etwa 15 Minuten vor Schluß der Fraktionssitzung undder sich unmittelbar daran reihenden Plenarsitzung Forckenbcck gegen dieses Ver-