2S6 Die erste Session der III. Legislntnr-Penode des Reichstags
Auf morsten bin ich zum Prinzen August von Württemberg, auf Dienstagzu dem württembergischen Gesandten Freiherr«: von Spitzemberg zum Diner ge-laden. An Einladungen fehlt es also nicht. — Gestern Abend war ich zur Par-lamentarischen Soiree bei Bismarck. Daneben drängen sich die Geschäfte: Fraktions-,Plenar- und Kommissions-Sitzungen. Die Bndgetkommission hält häufigAbends von s'/z—ll Uhr Sitzung; solche strenge Arbeit sind wir nicht gewöhnt.— Dabei erlebt man manches Interessante. So verkehrte ich schon öfter mitElsässern. Die sogenannten elsässer Antonomisten, die fünf Abgeordnete durch-gesetzt haben, werden offenbar vom deutschen Leben angezogen, sind ihm auchwohl schon gewonnen. Drei derselben sind in unserer Fraktion erschienen, umihre Wünsche vorzutragen. Der bedeutendste unter ihnen, Schnecgans, sprach dasschöne Wort in seinem Vortrag: Wir erscheinen bei Ihnen „als deutsche Ab-geordnete eines deutschen Landes".
Nächsten Samstag werden wohl unsere Arbeiten bis nach Ostern vertagtwerden, wir hoffen ans eine Vakanz von immerhin 10 Tagen. Nachher dürfteder Reichstag bis Anfang Mai fortdanern.
Berlin, den 21. März 1877.
Ich schreibe Dir diesen Brief inmitten des harten Kampfes über den Sitzdes Reichsgerichts. Derselbe wird wohl zu Gunsten Leipzigs gegen Berlin ent-schieden werden. Dies entspricht auch meiner Ansicht; allein die extremen Natio-nalen sind leidenschaftlich für Berlin und an Vorwürfen herüber und hinüberwird es nicht fehlen.
Berlin, den 23. April 1877.
Nach dem Stande unserer Geschäfte und den Absichten in maßgebendenKreisen dürfte auch der Schluß des Reichstags in der übernächsten Woche etwabis zum Himmelfahrtsfest möglich sein.
Heute gingen endlich unsere Arbeiten in der Budgetkommission zu Ende,was mir eine große Erleichterung gewährt, da wir sehr viele Abendsitzungenhatten und dadurch meine freie Zeit sehr beschränkt war.
Im Reichstag tobt gegenwärtig der Kampf zwischen Freihändlern und Schlitz-zöllnern. Mir stehen diese Fragen ziemlich ferne. Allein den extremen Theoriender Freihändler kann ich nicht beitreten. Zn etwas scheint die bisher entschiedenfreihändlerische Reichsregierung einlenken zu wollen, und da regnet es natürlich,wenn auch in höflicher Form, Vorwürfe herüber und hinüber.
Mit dem Jahre 1878 erweitern sich die Aufzeichnungen des AbgeordnetenHölder zu einem ausführlichen Tagebuch. Bevor ich Mittheilungen daraus mache,will ich die^ Gesichtspunkte mittheilen, die den Abgeordneten Hölder bei Ab-fassung seiner Erinnerungen geleitet haben und die derselbe in der Einleitungzu seinem Tagebuch niedergelegt hat. Derselbe schreibt:
Stuttgart, den 12. Juli 1877.
Freunde haben mich schon wiederholt ansgefordert, Vorkommnisse meinespolitischen Lebens auszuzeichnen, weil solche Aufzeichnungen meinen Angehörigen