246 Die erste Session der Itt, LegiSlatar-Periode deS Reichstags
in einem militärischen Verhältnis zu Frankreich ständen, zurückhaltender undvorsichtiger sein; er wisse, daß die Zahl der letzteren eine sehr große sei, daß inElsaß-Lothringen eine volle Division militärpflichtiger Franzosen sich befände unddaß, im Falle eines Krieges, dadurch dem Reiche eine Gefahr entstehen würde,welcher vorzubengen die Regierung die Pflicht habe. Frankreich gegenüber müsseDeutschland auf seiner Hut sein, nachdem es im Jahre 1870 mit einer vomZaun gebrochenen Kriegserklärung überfallen worden sei; Frankreich konzentriereseit einiger Zeit seine Kavallerie an der Ostgrenze und könne Metz investiere».Die Regierung scheine zwar friedlich gesinnt, aber man könne niemals sicher sein,da diese Friedfertigkeit jedwedem Zufalle ausgesetzt sei. Er ersuchte schließlichdie Abgeordneten, dem Unterstaatssekretär Herzog eine schriftliche Eingabe ein-zureichen, die er zu prüfen sich vorbehielt.
Der Abgeordnete Schneegans nahm sodann im Aufträge seiner Kollegen dasWort, um die Verfassungssrage anzuregen, und entwickelte vor dein Fürsten dasProgramm seiner Partei, dahin gehend, daß das Reichsland zn einer festenGestaltung wie die andern Bundesstaaten kommen möge, daß zunächst die Ver-waltung nach Straßburg verlegt werde, der Landesausschuß erweiterte Befugnisseerhalte, und daß allmählich Elsaß-Lothringen mit den andern deutschen Staatenimmer mehr gleichgestellt werde.
Der Fürst hörte der ziemlich langen Auseinandersetzung aufmerksam zu, ohneden Redner zu unterbrechen, und bemerkte alsdann folgendes: Die Bestrebungender autonomistischen Partei seien ihm bekannt und auch sympathisch; auch in derRegierung bestehe der Wunsch, die elsaß-lothringischen Verhältnisse in der besagtenRichtung hin, wenn auch vielleicht noch nicht in dem von den Abgeordneten ge-hofften Umfang zu entwickeln. Vieles hänge von der Haltung der Bevölkerungselber ab; wenn diese sich ohne Hintergedanken auf den Boden des Friedens-vertrags stelle, so stehe der Verwirklichung der zur Sprache gebrachten Hoffnungenim wesentlichen nichts entgegen; die unterelsässischen Abgeordneten hätte» denrichtigen Weg zur Begleichung der Hindernisse gewählt, indem sie sich in direkteBeziehungen zum Reichskanzler gesetzt hätten, und es sei zn hoffen, daß sie nichtvereinzelt blieben und den Rest der Bevölkerung nach sich ziehen würden.Übrigens, so schloß der Fürst, würde sich die Gelegenheit bieten, diese Sache imReichstag näher zu erörtern, da die Regierung eine Vorlage eingebracht habe,welche dem Landesausschuß erweiterte Befugnisse gewähren würde. Er stellteanheim, diese Gelegenheit zu benützen und eine Debatte vor dem Reichstag herbei-znführen.
Bevor er die Herren nach dreiviertelstündiger Audienz entließ, ließ der Fürstan dieselben mündlich die Einladung zn den parlamentarischen Sonnabend-Soireenergehen, indem er beifügte, er würde dort Gelegenheit finden, die schwebendenFragen, besonders die Optantenfrage weiter zu besprechen.
Die Herren verfehlten natürlich nicht, dieser Aufforderung Folge zu leisten,und sie gewannen dabei den Eindruck, daß der Besuch dieser parlamentarischenAbende beim Reichskanzler als ein integrierender Teil der Abgeordneteupflichten