242 Die erste Session der IH. Legislatur-Periode des Reichstags.
hatte'). Bei Besprechung dieses Zwischenfalles äußerte Fürst Bismarck namhaftenAbgeordneten gegenüber, der Bnndesrat würde, wenn der Reichstag zu Gunstendes vr. Kcrntccki dem Antrag auf Erlaß eines Notgesctzes zustimme, einem solchenGesetzantrag niemals seine Genehmigung erteilen st.
Am 1. April 1877 feierte der Reichskanzler seinen 62. Geburtstag; an dem-selben Tage bat er den Kaiser um Entlassung von allen seinen Ämtern undWürden, da seine Kräfte der ungeheuer» Last nicht mehr gewachsen seien. —Die Frage eines definitiven und vollständigen Rücktritt Bismarck's von denGeschäften hielt die öffentliche Meinung gewaltig in Spannung st.
Ein Mitglied der deutsch-konservativen Partei stellte über die Beweggründedes Reichskanzlers zu seinem Nücktrittsgesnche folgende Betrachtungen an st:
„Zn den vielen tendenziösen Erfindungen, welche durch das Entlassungsgesuchdes Fürsten Bismarck hcrvorgernfen worden find, gehört auch die Behauptung,Fürst Bismarck ginge, weil er der konservativen Reaktion weichen müsse. Waszunächst den Begriff einer konservativen Reaktion betrifft, so mag die liberale »Phantasie sich darunter alles Mögliche und Unmögliche vorstellen, thatsächlichbesteht sie darin, daß durch die letzten Neichstagswahlen eine „Verschiebung" desSchwerpunktes mehr nach rechts stattgcfnnden hat in der Weise, daß, während inder letzten Session die Nationalliberalen mit der Fortschrittspartei über dieabsolute Majorität verfügten, diese Majorität jetzt durch die nationalliberale unddie beiden konservativen Fraktionen hergestellt wird. Daß hierin eine Stärkungder konservativen Partei liegt, ist allerdings klar; daß aber durch diese Stärkungdie Stellung des Reichskanzlers erschwert worden sei, scheint uns denn doch inden Bereich der bewußten oder unbewußten Täuschung zn gehören. Wir wollendie Gründe, die den Reichskanzler zu seinem Rücktritt bewogen haben sollen, derReihe nach durchgehen und zeigen, daß die konservative Reaktion oder, um eskonkret anszudrücken, die Stärkung der deutsch-konservativen Partei damit nicht
st Der Redakteur deS „Kuryer PoznaüSki", Dr. Kantecki, befand sich seit dem27. November 1876 in Haft beim Königlichen Kreisgerrchte zn Posen; die Inhaftierung erfolgteund dauerte fort, weil vr. Kantecki infolge einer Requisition des Kaiserlichen Oberpostdirektorszn Bromberg, zur zeugeneidlichen Vernehmung darüber anfgefordert, von welcher Person ihmdie Mitteilung über den Inhalt der vom Oberpostdircktor zu Bromberg in Nr. 213 des „KuryerPoznaüski" vom 19. September 1876 erwähnten, die Beschlagnahme von Briefen Sr. Eminenzdes Kardinal Erzbischofs Grafen LedochowSki betreffenden Verfügung zngegangen sei, zwarbezeugt und beschworen hatte, daß ihm diese Nachricht nicht von einem Postbeamten zngegaugeusei, sonst aber sich geweigert hatte, die betreffende Person zn bezeichnen. Infolgedessen interpellierteeine große Anzahl Abgeordneter den Reichskanzler, an ihn die Frage stellend: 1. Ist der vor-liegende Fall zur Kenntnis deS Herrn Reichskanzlers gelangt? 2. Ist der Herr Reichskanzlergeneigt, geeignete Maßnahmen zn Grinsten deS inhaftirten vr. Kantecki zu treffen?
st Die Frage wurde gegenstandslos durch die später erfolgte Entlassung deS Dr. Kanteckiaus der Haft.
st Zu vergl. den Artikel „Der Rücktritt des Reichskanzlers" irr den „Grenzboten", 36. Jahrg.1877, II. Quartal S. 112.
st Vergl. hierüber auch Hans Blum „Das deutsche Reich zur Zeit Bismarck's", S. 250.