24» Die erste Session der III. LegiSlatnr-Periode des Reichstags
Ein Zufall wollte es, daß im Jahre 1877, just nach zehn Jahren, als derspäter non dem Nationalliberalen I)r. Kapp beseitigte Gras Schulenburg wiederAussicht hatte, in den Reichstag zu gelangen, Fürst Bismarck aus die Anfrageeines überloyalen Mannes, wen er für die engere Wahl empfehle, Schulenbnrgoder Kapp, znrücktelegraphicrt hat: „Wählt Kapp." st —
Wie nähern uns dem Zeitpunkte, da die Kämpfe nm die neue handels-politische Ära alle andern Fragen der inneren Politik in den Hintergrund drängten.
Bedeutsameren Einfluß noch als der oben genannte Abgeordnete Lohren hattein diesen Beziehungen auf die Entschließungen Bismarck's der frühere württem-bergische Minister des Auswärtigen, Reichstagsabgeordneter Freiherr von Varn-bülerst. Derselbe hatte im Februar 1873 im zweiten württembergischen Wahl-kreise mit einer Ansprache an die Wähler kandidiert, welche mit großem Gesclnckabgesaßt war und ein volles, klares und weitsichtiges Programm enthieltst. Sein
st Ludolf Pcirisius, „Deutschlands politische Parteien" I, S. 90.
st Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen, Friedrich Gottlob Karl, Königlichwürttcmbergischer Staatsmiuister a. D.. Besitzer der Rittergüter Heunuiugen und Höfiugcu(früher Reichsritterschaftlich) und von Ludmigshöhe. Geboren in Heminingen den 13. Mai1809 (lnth.). Mehrere längere Reisen nach Österreich, Italien, Frankreich, Belgien, Holland,Dänemark und Schweden. 1833—39 Kollegialmitglied der Königlichen Kreisregicrnng inLndmigsbnrg, von 1839 an Betrieb der Landwirtschaft ans seinen Gütern, 1846—S3 Leitungeiner großen Maschinenfabrik in Wien. Seit 1845 mit einer Unterbrechung mährend einesJahres (1850) Abgeordneter der Ritterschaft in der württembergischen Kammer der Abgeordneten,von September 1864 bis September 1870 Königlich württembergischer Minister des KöniglichenHauses, der auswärtigen Angelegenheiten und der Verkehrsanstalten. 1867—70 Mitglied desZollparlaments, des Reichstags von 1872—1881. Schrieb „über das Bedürfnis einer Gewerbe-Gesetzgebung in Württemberg", Stuttgart 1846. „Über die Frage eines Deutschen Heimatrechtes",Stuttgart 1864. Referate über verschiedene Volks- und staatswirtschaftliche Gegenstände, z. B.über Bau und Betrieb von Eisenbahnen, über die Revision der forstpolizeilichen Bestimmungenin Bezug auf Gemeinde- und Privatwaldungen, über die Erwerbung des Bürgerrechts und dieNiederlassung in den Gemeinden, über ein Weideablösnngsgesetz, über die württembergischeGewerbeordnung vom Jahre 1862, das Gesetz über Feldweg- und Gewand-Regulierung von1862 rc. Verstorben am 26. Mürz 1889.
st Der erste Teil desselben diente dem Zweck der Verteidigung seiner früheren Politik undsetzte die deutsch-patriotische Gesinnung des Verfassers in das glänzendste Licht. Dem französi-schen Gesandten, der ihn am 13. Juli 1870 benachrichtigte, daß Napoleon mit dem Verzicht desErbprinzen von Hohenzollern nicht zufrieden sei, sondern das bekannte Ansinnen an den König vonPreußen stelle, erklärte Varnbüler sofort, das sei eine Beleidigung des Königs und DeutschlandsSüddentschlands wie Norddeutschlands, und werde den Nationalkrieg herbeiführen. Diese Ant-wort teilte er dem preußischen Gesandten mit, der dafür den wärmsten Dank des Grafen Bis-marck überbrachte. Daß Bechern eine entschiedene Stellung einnahm, ist gleichfalls das VerdienstVarnbülcrs, "der, als er die dortige Stimmung zweifelhaft sah, selbst nach München eilte,worauf auch dort die Sache ins rechte Geleise kam. Am meisten hat man Varnbüler verdacht,daß nach erklärtem Krieg der französische Gesandte noch geraume Zeit in Stuttgart und Kan-stadt sich Herumtrieb. Allein das deutsche Volk muß hierfür Varnbüler vielmehr denwärmsten Dank zollen. Es war die reine Kriegslist, daß er den Gesandten der feindlichenMacht so lange hinhielt, dadurch gewann man nicht nur Zeit zu Rüstungen, man störte auch