Druckschrift 
2 (1895) 1847 - 1879
Entstehung
Seite
234
Einzelbild herunterladen
 

284

Die Xll. preußische Legislatur-Periode

staatsmämnsche Anschauung gegenüber der juristischen zur Geltung zu bringen st.Die Ansicht, daß mein Rücktritt aus dem Amte in Bezug ans die Kirchenpolitikeinen Systemwechsel bedeuten würde, ist grundfalsch. Der alte Gegensatz zwischender dem Staat absolut nötigen Autorität und den Forderungen der Kirche ist soschroff herausgetreten, daß Se. Majestät von der jetzt eingenommenen Haltungschwerlich abgehen wird und abgehen kann. Die Hoffnung aus den Thronfolger,die sonst in Monarchien den Feinden des herrschenden Systems zum Trost gereicht,trifft bei uns durchaus nicht zu. Der Kronprinz, unter ganz andern Voraus-setzungen wie sein Vater, ich möchte sagen unter konstitutionellen Einflüssen insLeben getreten, ist, wenn möglich, noch entschiedener für das Festhalten an derheute vertretenen Politik. Daß im Ministerium des Innern bei Ausführungder Gesetze nicht überall mit der wünschenswerten Energie vorgegangen wird,räume ich einst, ebenso, daß ein Menschenalter erforderlich ist, um einen ernst-lichen Erfolg zu erzielen. Daß die Staatsregieruug die Schule so lauge andernHänden überlassen hat, war ein Fehlgriff, dessen Folgen sobald nicht gut zumachen sind. Die Hauptschuld trifft aber die katholische Abteilung im Kultus-ministerium, welche die Interessen des Staates in unverantwortlicher Weise ge-schädigt hat st.

stWenn Durchlaucht bemerkte Seyffardt sich so offen anssprechen, wird noch einMoment, das gegen dieSistiernng der Vermaltnngsreform recht eindringlich spricht, hervorzuhebensein. Es wäre doch nicht der Schein des Stillstehens, es wäre ein wirkliches Stillstehen, wenn dieStaatsregiernng aus Furcht vor den Ultramontanen einem konsequenten Vorschreiten ans dem Wege,die Verwaltung mit den bestehenden konstitutionellen Verhältnissen in Einklang zu bringen, ab-lassen wollte. Sie würde dadurch dem trotz aller parlamentarischen Schlappen von den Klerikalenzur Schau getragenen Siegesbewnßtsein eine neue Unterlage gewähren- Die nltramontanenBlätter wissen ohnehin nur zu gut bei ihren Lesern die Ansicht zu Pflegen, daß früh oder spätdas gegenwärtige System doch wieder der früheren Praxis weichen müsse. Durchlaucht Hüttenur wahrnehmen sollen, wie dieser Augenblick schon in Aussicht genommen wurde, als Sie vorwenigen Wochen Miene machten, die Last der Staatsgeschäfte ans andre Schulter abzn-wälzen."

stDas ist sehr erfreulich bestätigt zu hören erwiderte der Abgeordnete Seyffardtund auch die Hoffnung oder Überzeugung der Reichsfrennde. Wie kann es aber auch in dieÜberzeugung des irregeleiteten katholischen Volkes übergehen, so lange dieses wahrznnehmcnglaubt, daß die Organe der Regierung in der Rheinprovinz gar häufig recht gelinde Vorgehen,um bei einem als möglich vorausgesetzten Wechsel nicht zu sehr kompromittiert zu sein. Ichgebe indes zu, daß seit Jahresfrist in dieser Richtung eine wesentliche Besserung nicht zu ver-kennen ist. Im Unterrichts-Ministerium steht es nicht besser, ohne daß Herrn I>r. Falk deshalbein besonderer Vorwurf zu machen wäre; ja es wird kaum anders werden, ehe das neue inAussicht stehende Schulgesetz eingefnhrt sein wird. Für mich noch ein ganz besonderer Grund,warum ich die Durchführung der neuen Ordnungen, an die die Schnlgesetzgebung anknüpfenmuß, für so dringend notwendig halte. Das einzige durchschlagende Mittel, um in dem gegen-wärtigen Konflikt dauernd Sieger zu bleiben, ist ja doch unzweifelhaft die Erziehung einesjungen Geschlechts mit andern, unsrer Ansicht nach bessern Anschauungen."

stWenn Durchlaucht aber zngeben warf der Abgeordnete Seyffardt hier ein daßerst von einem zu erziehenden Geschlecht die Wandlung zu erwarten, so werden Sie sich nichtwundern können, daß die bisherigen Maßregeln des Unterrichts-Ministeriums den Reichsfrennden