1874-1876
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worden 1), und der Kaiser deswegen nicht gut auf den Reichstag zu sprechen.Er verweilte in unserem Saale kaum 10 Minuten und empfing den Präsidentenmit den Worten: „Heute kann Ich Ihnen kein freundliches Gesicht machen; wohinsoll das führen?" Zu andern Abgeordneten sagte er: „Sie haben heute
eine große Schlacht geschlagen, aber sie wurde gegen Mich geschlagen." Zueinem Dritten: „Haben Sie heute auch gegen Mich gestimmt?" Zu einem Vierten:„Sprechen wir lieber nicht von Ihrer heutigen Verhandlung; es ist sehr bedauer-lich." An mir ging das Gewitter vorüber, meinen Nachbar Wagner fragte erum seinen Namen und ging dann weiter. Die Kaiserin ließ sich eher auf dasVorstellen der Mitglieder ein. Ich wurde ihr vorgestellt und sie fragte mich,ob ich aus Stuttgart sei, was ich nicht leugnen konnte.
Unser Eindruck hätte angenehmer sein können, besonders, da wir beim Konzertauf die Gallerte plaziert wurden, die zwar mit Lehnstühlen versehen, einen gutenÜberblick über die Pracht des Saales gewährt, aber sehr heiß war. An Erfrischungenfehlte es nicht. Pagen, Schleppen, Kammerherren, galonnierte Diener, Schildwachenvon den Gardes du Korps u. s. f. wie beim Ordenssest.
Gestern beim Hofball erging es uns besser.
Alles verlief glänzend. Lauge Reihen von Zimmern und Sälen waren ge-öffnet; prachtvolle Toiletten, gutes Buffet. Der Kaiser ließ sich zwar in demZimmer, wo sich vorzugsweise die Reichstags-Abgeordneten aufhielten, nicht sehen.Dagegen unterhielt sich der Kronprinz mit gewohnter Leutseligkeit mit uns, indemer je mehrere zu einem Gespräch zusammen nahm. Nach ihm erschien die Kaiserinsehr huldvoll. Als sie vor mir stand und zu mehreren von uns zugleich sprach,führte ich das Wort zu ein paar Antworten. Nachher kam Simson auf mich zu (dieKaiserin war noch im Saale) und sagte mir, dieselbe habe nach mir gefragt, und erhabe ihr gesagt, der mit dem weißen Knebelbart sei ich; sie wolle mit mir sprechen.Ich wurde also nun vorgestellt. Sie fing an, sie müsse auf Stuttgart zurückkommen(Erinnerung au die Frage am Donnerstag); es sei dort so schön, sie sei immergern dort gewesen; habe einen Vetter dort, den Prinzen Weimar, der ihr vielschreibe, ich würde ihn wohl kennen; er sei ein liebenswürdiger Mann; wie langeich Präsident fei? Die Kaiserin erinnerte sich Weber's, „den haben Wir ja auchgekannt"; lobte nun ganz Württemberg; gemütliches, schönes Land u. s. s. Ichbeschränkte mich auf die uöthigen Antworten und die Sache ging gut vorüber.
Berlin, den 20. November 1876.
Die Geschäfte werden stark betrieben und ein Theil der Abende sowie derSonntag ist mit Fraktionssitzungen ausgefüllt. Es ist allseitig guter Wille da,die Differenzen, deren Zahl freilich noch groß ist, auszugleichen und die großenJustizgesetze fertig zu bringen. Am Samstage war große Württemberger Schlacht,die von 3 bis nach halb 6 Uhr Abends dauerte. Ich, unterstützt von zwei
p Vergl. oben S. 224, und über die Pläne Bismarck's den Aufsatz von B. A. Grun-drecht: „Der Reichskanzler, die Sozialdemokraten und die deutsche Presse," in Nr. 15 der „Gegen-wart", 1876.
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