226 Die II. Legislatur-Periode des deutsche» Reichstags
werden, so lasse ich sie mir gerne gefallen. Wir haben das Budget so gestaltet,daß keine neuen Stenern und auch keine erhebliche Erhöhung der Umlagen ansdie Staaten (Matrikularbeiträge) nöthig werden.
Eben komme ich vom Diner beim Kronprinzen. Es waren etwa 24 Reichs-tags-Abgeordnete anwesend; im ganzen 36 Gedecke.
Die Kronprinzessin und der Kronprinz unterhielten sich längere Zeit mitmir. Beide sehr liebenswürdig. Er drückte mir freundlichst die Hand und beganndie Unterhaltung mit den Worten: er freue sich mich wieder zu sehen.
Berlin, den 26. Januar 1876.
Ans letzten Sonntag hatte ich eine Einladung zum Krönnngs- und Ordens-feste erhalten. Es war mir interessant, dem Feste beizuwohnen. Die Zahl derTeilnehmer belief sich auf 7—800. Die Pracht der Toiletten war groß. DieKaiserin und die Prinzessinnen hatten Schleppen bis zu 1 Metern Länge;diese Schleppen wurden von je 2 Pagen getragen und in der Kirche vor denSitzen der Damen ausgebreitet. Es war für die Pagen keine kleine Mühe, nachbeendigtem Gottesdienst für den Zug die Schleppen wieder in die Reihe zu bringen.Ich setzte mich mit Römer (ans Hildesheim) beim Essen zusammen; auf deranderen Seite hatte ich einen heiteren, alten pensionirten Oberstabsarzt aus derProvinz, der von dem ungewohnten Champagnergennß bald ein Zäpfchen hatte.— Interessant war mir neben dem kaiserlichen Prunk ein demokratischer Zug.Denn unter den Geladenen war eine große Anzahl Unteroffiziere, Briefträger,niedere Beamte n. s. f., die eine Medaille oder so etwas erhalten hatten. Siewaren Gäste des Kaisers wie die Anderen, saßen unter den Anderen, die Herr-schaften unterhielten sich mit Manchem von ihnen: kurz es war eben der Gedankeausgedrückt, daß das Verdienst auf jeder Lebensstufe den Zutritt zum Kaiser er-öffne, und zu einer relativ sozialen gleichen Stellung berechtige. Man kann sichdenken, wie es die Anhänglichkeit an die Dynastie fördert, wenn ein Unteroffizierin die Kaserne znrückkommt und von einem solchen Feste erzählt.
Morgen Abend ist wieder ein Fest bei Hofe: große Cour und Konzert.Die Reichstagsmitglieder können sich einsinden, wenn sie wollen. Da es interessantist, die Sache sich einmal anzusehen, so werde ich vielleicht hingehen.
Bismarck ist unwohl; man sieht ihn nicht. Es heißt, er sei übel disponirt,und es scheint hinter den Kulissen manches vorzngehen. Unter Hinweis hieraufwurden gestern in der Parteisitznng dringende Ermahnungen von Bennigsen er-lassen, fester zusammen zu halten, als es in der letzten Zeit der Fall war.
Über das Ende des Reichstags läßt sich noch nichts sagen. Es hängt davonab, ob und welche Gesetzentwürfe über Bord geworfen werden. Man sprichtschon von Mitte Februar.
Berlin, den 1. Februar 1876.
Am Donnerstag bei der Cour befanden sich in dem Saale, der für denReichstag bestimmt war, etwa 60 Abgeordnete. An diesem Tage war im Reichs-tag der früher erwähnte reaktionäre Strafgesetzantrag der Regierung verworfen