196 Dic II. Legislatur-Periode des deutschen Reichstags
den kurzen Weg vom Bett znm Sopha gemacht und hütete wieder dauernd dasBett. Die Ärzte hatten ihm die Aussicht gestellt, etwa Mitte Juni reisefähigzu sein, um direkt in ein Bad zu gehen, während von einer früheren Übernahmeder Geschäfte gar keine Rede sein könne. Nach diesem Befund hat mir wohlnicht die Äußerung in den Sinn kommen können, „der Fürst sei mir nichtso krank erschienen, wie nach den offiziellen Nachrichten zu erwarten gewesenwäre." Was den Inhalt der Konversation betrifft, welchen ich allerdings einigenbefreundeten Mitgliedern des Reichstags mitgetheilt habe, um dem Frrthum zubegegnen, bei Einteilung der noch nothwendig zu erledigenden Geschäfte Rücksichtans die Genesung des Reichskanzlers zu nehmen, so beschränkte ich mich aufdie Bemerkung, daß der Fürst seiner Verstimmung über den Entwickelnngsgangder Dinge lebhaften Ausdruck gab und die Absicht aussprach, unter diesenUmständen baldigst seinen Abschied nachzusnchen. Er fühle sich nicht mehrkräftig genug, um die amtliche Friktion der vorbereiteten Stadien und die in derschwankenden Majorität des Reichstages entgegenstehenden Schwierigkeiten zuüberwinden. Besonders klagte er darüber, daß so viele unbedingt reichstreueWahlkreise nach Maßgabe der Haltung ihrer Vertreter für die dem Reicheentgegenstehenden Parteien thatsächlich ins Gewicht fielen. Soviel zurBerichtigung! Auf andere, in dem betreffenden Bericht enthaltene Details eiuzu-gehen, liegt für mich keine Veranlassung vor.
Mit der Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung zeichne ich als einerverehrlichen Redaktion ergebenster
I)r. Robert Lucius.
Am 8. April 1874st stattete auch der Abgeordnete Miqnel dem Fürsteneinen Besuch ab. Derselbe überzeugte sich, daß der Reichskanzler durch die so-eben überstandene Krankheit doch weit mehr geschwächt war, als man nach manchendurch die Blätter gehenden Nachrichten annehmen sollte. Die politische Lagebetreffend erklärte er auf das bestimmteste, daß ihm schon sein körperlicher Zustandnicht erlauben würde, seinen Platz an der Spitze der Reichsgeschäste zu behaupten,wenn er iu einer die innere Konsolidierung wie die äußere Machtstellung desReichs in so eminentem Maße, wie das Militärgesetz berührenden Frage inner-halb der nationalen Mehrheit des Reichstags nicht eine feste Stütze fände.
Am 9. April erfolgte der Besuch Sr. Majestät des Kaisers bei dem Kanzler,und am Nachmittag desselben Tages ließ der Kanzler zuerst Herrn von Bennigsen stund später Herrn I)r. Lucius zu sich einladen, um ihnen Mitteilungen zu machen,welche die Bereitwilligkeit der Regierung, auf ein Provisorium von längerer Dauer(Septennat statt der ursprünglichen Forderung einer dauernd fixierten Friedens-präsenzstärke) einzugehen, erkennen ließen.
st Anfangs April 1874 dankte Bismarck mit herzlichen Worten der deutschen Reichsparteifür das von derselben an ihn gerichtete GebnrtstagS-GIückwnnschschreiben. Die Antwort desKanzlers war gerichtet an den damaligen Vorsitzenden der Partei, den Fürsten Hohenlohe-Langenburg.
st 16. Januar 1874, Bismarck in der Matinee bei Bennigsen.