1874—1876
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so stark seien, daß die Majoritäten an und für sich schwankend würden. DieserFehler in der Situation werde sich voraussichtlich i»i Laufe der Legislaturperiodemehr schärfen, anstatt sich zu mildern. Von dieser Auffassung ausgehend, ist derHerr Reichskanzler zu dem Satze gelangt, das einzige Mittel sei eine Berufungan die Wähler, und wenn das den Fehler nicht heile, so sei eine konstanteMajorität, auf welche irgend eine Regierung sich stützen könne, überhaupt nichtmöglich')."
Nachträglich verlautetes, daß sich Fürst Bismarck deu beiden Kranken-besuchern gegenüber auch über die Abänderungen verbreitet hatte, welche derpreußische Gesetzentwurf des Kirchendienergesetzes im Bundesrate erfahren hatte.Der Reichskanzler hielt die juristischen Bedenken, welche zu einer Beschränkungder der Staatsgewalt zuzuweisenden Aktionsmittel geführt hatten, für sehr wenigstichhaltig gegenüber den politischen Erwägungen, welche ihm die volle Entfaltungder staatlichen Kräfte im kirchlichen Kampfe notwendig erscheinen lassen. Da FürstBismarck befürchtete, daß im Reichstag sich ebenfalls eine starke Neigung zurAnfrechterhaltung der durch den Bnndesrat beschlossenen Abschwächungen despreußischen Entwurfs zeigen möchte, so gab er dieser Besorgnis Ausdruck.
Über die viel besprochene Unterredung der Herren Dietze und vr. Luciusb)mit dem Reichskanzler veröffentlichte der letztgenannte Abgeordnete in der„Spener'schen Zeitung" nachstehende Berichtigung.
Ballhausen bei Erfurt, 30. März 1874.
An die Redaktion der „Spener'schen Zeitung" in Berlin.
Die in Ihrer Zeitung vom 29. er. enthaltene, teilweise unrichtigeDarstellung einer am 27. d. M. mit Sr. Durchlaucht dem Herrn Reichskanzlergehabten Unterhaltung nötigt mich zu nachstehender Berichtigung, welcher Siegefälligst Aufnahme in einer Ihrer nächsten Nummern gewähren wollen. Ichfand den Fürsten Bismarck durch sein mehr wie dreiwöchentliches Krankenlagerüber Erwarten verändert und sehr geschwächt, wie es ja bei den permanentenheftigen Schmerzen sowie der gänzlichen Appetit- und Schlaflosigkeit nichtanders sein konnte. Er hatte einen Tag vorher unter Beistand zweier Diener
>) Vergl. auch den Artikel in den „Grenzboten", Jahrgang 1874, II. Quartal, S. 29.
2) „Voß. Ztg." Nr. 81 vom 8. April 1874.
3) Lucius, Robert, Freiherr von, vr. msä., Rittergutsbesitzer, Kreisdeputierter, Landwehr-offizier, in Kleinballhausen bei Erfurt. Geboren den 20. Dezember 1835 in Erfurt (katholisch).Machte 1860 den spanischen Feldzug gegen Marokko, 1860-62 die preußische Expedition nachOstasien als Gcsandtschaftsarzt, die Feldzüge 1864, 66 und 70 als Landwehr-Kavallerie-Offiziermit, ward im Mürz 1870 in den Reichstag, November 1870 tnS Abgeordnetenhaus gewählt;seit Juli 1879—1890 Minister für Landwirtschaft. Die Beziehungen des Abgeordneten zu demFürsten Bismarck reichen bis in das Jahr 1871 zurück. Die Debatte über die Gebührenfreiheitvon Postsendungen an die zur Okkupationsarmee gehörigen Soldaten gab den Anlaß zur erstenAnnäherung. In den nächsten Jahren bis zum Eintritt des Abgeordneten Lucius in daslandwirtschaftliche Ministerium als Nachfolger Friedenthal's, Juli 1879, hat es nicht leichteinen Parlamentarier gegeben, der sich Bismarcks Vertrauen in dem Maße erfreute, als derFreiherr von Lucius.
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