Druckschrift 
1 (1897)
Entstehung
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Manche antike bildliche Darstellungen erläutern sich in ein-fachster Weise dadurch, dass den Figuren darin die Namen beige-schrieben sind und Archäologen sind oft froh genug, sie soerläutert zu finden, manche altdeutsche Bilder in naivster Weisedadurch, dass den als sprechend darin vorgestellten Personen dieRede in einem langen Bande zum Munde heraushängt. Unsermheutigen, in dieser Hinsicht doch wohl bessern, Geschmack er-wecken solche Bandwürmer Bauchgrimmen, weil sie in der Thatfremdartige Parasiten in dem Bilde sind, das sich wohl mit asso-ciativer Erinnerung ausmalen, aber nicht mit Mitteln dazu unter-brechen lassen will; und überhaupt wird die Aufnahme von Schriftin das Bild selbst immer mehr durch Störung seines Zusammen-hanges schaden als durch Erläuterung seines Sinnes nützen, essei denn, dass das hermeneulische Interesse vor dem ästhetischenvorwiege. Hingegen kommt es manchem Bilde wohl zu statten,wenn ihm, sei es auch nur zur Auffrischung der Erinnerung, diebestimmte Stelle aus der Dichtung oder der Bibel, in Bezug zu deres gemalt ist, unmittelbar am Rahmen, oder, um dessen decora-tive Fassung nicht damit zu behelligen, in einer schriftlichen Bei-gabe darunter beigefügt w'ird.

Der Düsseldorfer Maler Hübner hat aus dem Buche Ruth die Abschieds-scene der alten Mutter Naemi von ihren Schwiegertöchtern dargestellt. Wei-nend und abgewandt entfernt sich die jüngere Schwiegertochter; währendRuth sich nicht von der Mutter losreissen kann und die Hände auf die Schul-ter der wehmütliig und tief gerührt aussehenden Frau legt. Wie wahr undschön das Alles dargestellt sein mag, so kann mir doch der gemalte stummeMund der Ruth nicht ihre rührende Rede, worin sie den Entschluss aus-spricht, ihre Schwiegermutter nicht verlassen zu wollen, und den hiemit zu-sammenhängenden Sinn des ganzen Gemäldes nicht eben so aufgehen lassen,als es die hinzugefügte Bibelstelle, welche die Rede selbst giebt, zu thun ver-mag; sie lautet: »Rede mir nicht drein, dass ich dich verlassen sollte undvon dir umkehren; wo du hingehst, da will ich auch hingehn, wo du bleibest,da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wodu stirbest, da sterbe ich auch, da will ich begraben werden. Der Herr tliuemir diess und das, der Tod muss dich und mich scheiden.«

Gewiss ruht hier ein grosser, ja vielleicht der grösste Theil der Bedeu-tung der Scene für uns in den Worten, die der Maler nun einmal nicht mitmalen und aus dem Gemälde nicht errathen lassen konnte, und von denendoch wenige Beschauer eine deutliche Erinnerung aus dem Lesen der Bibelzurückbehalten haben werden. Anderseits wird es für den, welcher dieBibelstelle für sich liest, unmöglich sein, Stellung, Geberde, Gesicht der han-delnden Personen so bestimmt und lebendig in der Anschauung dazu zu con-