Druckschrift 
1 (1897)
Entstehung
Seite
81
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Vorstellung gehegt werden, welcher die von directer Erfahrungabhängige Vorstellung widerspricht. So können historische An-gaben unter einander, oder historische Angaben mit RückschlüssenausThatsachen, oder theoretische Folgerungen unter einander odermit beobachteten Thatsachen in Widerspruch oder Einstimmung j *)stehen.

Nun kann es sein, dass solche Anlässe widersprechender Vor-stellungen zu verschiedenen Zeiten eintreten und wir, indem wireinmal dem einen, das andremal dem anderen Anlasse nachgeben,des Widerspruches gar nicht gewahr werden. Z. B. wir lesenheute die Nachricht, dass zur Zeit eines historischen Datums dieSonne verfinstert gewesen sei, ein Jahr darauf die Nachricht, dasssie während der Zeit soll geschienen haben, ohne beide Angabenan einander zu halten. Oder wir lesen heute in der Bibel, dassder Mensch in Gott lebe, webe und sei, und finden ein andermalwieder Anlass, uns Gott gegenüberzustellen, wie ein Mensch demandern gegenübersteht. Wo nun der Widerspruch nicht wahrge-nommen wird, weil die Erinnerung keine Brücke zwischen denwidersprechenden Vorstellungen schlägt, fehlt auch der Anlass zurUnlust und ist der Widerspruch ästhetisch gleichgültig; die Unlusttritt aber um so leichter über die Schwelle, je mehr sich bei dereinen Vorstellung die Erinnerung an die widersprechende geltendmacht.

Eben so wenig als das Dasein eines Widerspruches überallUnlust erweckt, weckt die Einstimmigkeit der Vorstellungen über-all Lust. Zu sehen, dass ein Planet zu gewisser Zeit einen gewissenOrt einnimmt, enthält keinen Widerspruch; aber auch wenn wiruns bewusst werden, dass hier kein Widerspruch liegt, liegt darinnoch kein Anlass zur Lust; wohl aber, wenn wir uns bewusstwerden, dass sein beobachteter Stand mit seinem berechnetenübereinstimmt, oder zwei von verschiedenen Seiten darüber ge-führte Rechnungen zusammenstimmen. Und so gehört überall dasBewusstsein der Möglichkeit eines Widerspruches oder die wirk-liche Lösung eines solchen zwischen zwei von verschiedenen Sei-ten sich darbietenden Vorstellungen dazu, um Lust an ihrer Ueber-einstimmung zu begründen.

Die Uebereinstimmung wie der Widerstreit zweier Vor-stellungen oder Vorstellungskreise kann mehr oder weniger tief inunser übriges Erkenntnissgebiet eingreilen, indem dadurch eine

Fe ebner, Vorschule d. Aesthetik. X. 2. Aufl. 6