6
EINLEITUNG.
krieges Achtung gebot. Nach Abzug der Athener ward vonKersobleptes und Charidemos eine neue Bewegung vorbereitet,diesmal freilich nicht unmittelbar gegen den Chersones undAthen, sondern gegen die beiden benachbarten und den Athe-nern befreundeten thrakischen Fürsten, Amadokos und denNachfolger des mittlerweile verstorbenen Berisades, gerichtet,denen in dem zuletzt geschlossenen Vertrage der ungestörteBesitz ihres Landes ausdrücklich garantiert worden war. Mit-telbar jedoch ward auch Athen hierdurch auf empfindliche Weiseberührt. Gerade darin, dafs das thrakische Reich unter meh-rere unabhängige und einander die Wage haltende Fürsten ge-teilt war, lag für Athen ein Unterpfand für die Sicherheit ihrerBesitzungen am Hellespont: die Vereinigung der sämtlichenthrakischen Fürstentümer in einer Hand mufste den Verlustdes Chersones fast unausbleiblich nach sich ziehen (§ 8, 102 f.).
2. Charidemos, sei es dafs er seiner Stellung am Hofe desKersobleptes überdrüssig war oder derselben bei dem raschenUmsichgreifen Philipps von Makedonien auf die Länge nichttraute, oder dafs sein Ehrgeiz ein weiteres Feld für seineThätigkeit suchte, knüpfte inzwischen Verbindungen in Athen an.Schon früher hatte er sich an Kephisodotos angevettert (§ 153):jetzt aber, da er selbst den politischen Einflufs dieses Staats-manns durch den mit ihm im Namen des Kersobleptes geschlos-senen Vertrag bereits Ol. 105, 2. 358 vernichtet hatte (§ 167),suchte er seine Stützen unter den feilen Demagogen, die umein Stück Geld ihm gern zu willen waren (§ 184), ja in sei-nem Auftrag trat sogar Aristomachos aus Alopeke vor dem Volkeauf, von seinem und des Kersobleptes Lobe überfliefsend undmit dem Rate, dem Kersobleptes freie Hand zu lassen, indemes ganz gegen sein eigenes Interesse sei, auf den Besitz des Cher-sones zu spekulieren (§ 110), den Charidemos aber zum Strate-gen Athens zu ernennen, da er allein im stände sei, Amphipolisdem Staate wiederzugewinnen (§ 13 f.). Das letzte Manöverwar schlau berechnet: denn schon seit Jahren kämpften dieAthener vergebens um ihre alte Besitzung Amphipolis, und esversteht sich, dafs solch ein Vorschlag lauten Anklang bei demleichtgläubigen Volke finden mufste. Dazu kam, dafs Athen da-mals überaus arm war an militärischen Gröfsen: Chabrias wargefallen, Iphikrales abgetreten, Timotheos kassiert, Chares nichtim besten Kredit, Phokion kein Mann des Volks. Das Volk wollteeinen derben Haudegen, der mit seinen Mietlingen tüchtig dreinschlug, ihm selber aber keine weiteren Zumutungen machte.