Druckschrift 
Friedrich des Großen Anschauungen vom Kriege in ihrer Entwickelung von 1745 bis 1756
Entstehung
Seite
254
Einzelbild herunterladen
 

254

2. Dic Entwickelung des Königs auf taktischem (Kelüet.

formen, gänzlich unbekannt und unerhört gewesen wären; bekannt waren sie,sie wurden sogar von den Gegnern gelegentlich angewendet und versucht. DerFortschritt liegt in der Vollkommenheit der Bewegungen, die der Königdurch unausgesetzte Uebnng mitten im Frieden erreichte, und darin, daßer gewisse Gefechtsformen, die ja zwar auch anderweit bekannt, erörtert,geübt, ja selbst im Kriege gegen Friedrich versucht worden waren, dauerndzur Regel, zuGeneral-Prinzipien" erhob und deren rücksichtloseste Anwendungmit seinem starken Willen erzwang. Ganz Neues giebt es kaum im Kriege.Das Neue aber hervorzusuchen, was für die Zeit gerade paßt, und es mitThatkraft anzuwcnden, giebt den Beweis einer Feldherrnbegabung, die weitüber den besten Durchschnitt hinausrcicht. Diese besaß der Königliche Feld-herr zweifellos, der sein Heer zu einem Grade der Vollkommenheit erhob,wie sie seit dem Alterthum kein anderes aufgewiescn hatte. Die Anregungdazu aber hatte er ohne Frage mit durch das Studium der Antike empfangen,nicht in Einzelheiten, sondern in genialer Gesammtauffassnng der Dinge; hierist daher der Zusammenhang des Handelns und der aufgcnommenen Theorieklar erkennbar.

Die neuen Einrichtungen und Verfahren, nach denen Friedrichsuchte, um seinem Heere dauernde Ucberlegenheit zu verschaffen, bezogen sichvor Allem auf das Gefecht, auf die Schlacht, sie lagen ans taktischem Gebiet,weniger auf dem strategischen, auf dem grundsätzlich Neues zu schaffen, seineLage sowohl als der Zustand der Welt, in der er lebte, verboten. Dies mages erklären, daß die Jahre, in denen er Muße fand, seine kriegerischenImpulse durch Nachdenken zu befestigen und weitcrzubilden, vor Allem mitneuen Bestrebungen und Versuchen taktischer Natur ausgefüllt sind.

Wenn Friedrich, wie es ja der Fall war, die Absicht hatte, in Zukunftdie »allairo geschwinder zu äooiciirsicksi so ließ sich das zweifellos nicht anderserreichen als durch den taktischen Angriff. Seine ganze Sorge von 1745bis 1756 ist daher, die beiden Hanptwaffen darauf einzuschulcn, under befestigt sich dabei in der Ueberzeugnng von dessen überwiegenden Vor-theilen immer mehr. Wenden wir uns zunächst zur Infanterie.

Der Gedanke, daß das Heil des Fußvolkes im Angriffe liege, war keines-wegs neu, er lag vielmehr um die Zeit des Auftretens Friedrichs förmlichin der Luft. Die Uebertreibung des Feuers der Infanterie, wie sie sichschließlich unter dem Einfluß des linearen Gefechts entwickelt hatte, erzeugtevielfach ein gewisses Mißbehagen, worüber einzelne Generale durch schärfereBetonung der Bestimmung der Infanterie znm Angriff hinwcgzukommen suchten.Damit ging Hand in Hand die geringe Wcrthschätznng von der Wirkung desFeuers, wie sie namentlich Moritz von Sachsen mit Geist und Schwung vertrat.*)Folard ging so weit, ans die Piken zurückzugehen und die Infanterie ohnejede Fenervorbereitung angreifen lassen zu wollen. Den Angriff ohne Feuer