Druckschrift 
Friedrich des Großen Anschauungen vom Kriege in ihrer Entwickelung von 1745 bis 1756
Entstehung
Seite
231
Einzelbild herunterladen
 

Allgemeines.

231

Übeln Erfahrungen, am Erfolge wie am Mißgeschick zu belehren und zubilden. Er besaß die durchschauende Klarheit und Kraft des Blickes, auchin seinen glänzendsten Siegen einzelne Schlacken zu erkennen, er gewann esüber sich, selbst die bedeutendsten Erfolge prüfend, kühl rechnend zu betrachtenund zu schätzen, da wo andere glückliche Feldherren sich mit der Genugthunngüber das Erreichte und dem Hinweise darauf zu begnügen Pflegen. Um desKönigs ganze Größe zu erkennen, ist es nöthig, die außerordentliche Klarheitund Geschlossenheit des Denkens in Rechnung zu stellen, das ihn, den bishernie Besiegten, bei der Betrachtung des Geschehenen erfüllt.

Bot demnach Friedrich das vorurtheilslose Durchmustern eigener Er-fahrung das wirksamste Mittel dar, sich weiter zu entwickeln, so ließ er dochkeineswegs Anderes außer Acht, was geeignet schien, Anregung zu bieten.

Hierzu zählt der Briefwechsel mit hervorragenderen Generalen. Aber sein Bmfwcchsc>.Charakter und wohl auch die Stellung des Monarchen erlaubte einen dauerndenund planmäßigen Austausch von Gedanken nicht. Selbst Fürst Leopold vonDessau scheint niemals besonderen Einfluß geübt zu haben; in dem Brief-wechsel mit dem Feldmarschall erscheint Friedrich nach wie vor, im Friedenwie im Kriege, als der gestrenge Herr, als König vom Scheitel bis zurSohle, als der Vorgesetzte, selbst wenn er ab und zu glaubt, dassontimont"des Feldmarschalls in dieser oder jener Frage einholen zu sollen. Diese allengroßen Naturen angeborene herbe Abgeschlossenheit verhinderte wohl auch, daß derKönig zum genialsten seiner militärischen Zeitgenossen, dem Marschall vonSachsen, in engere geistige Beziehungen trat, trotz dessen wiederholter unddringender Versuche, sich Friedrich zu nähern. Er empfing ihn zwar, be-antwortete seine Briefe, scheint aber in diesen unmittelbaren Beziehungenwenig Anregung gefunden zu haben. Diese ergab sich erst später durch dasLesen der nachgelassenen Schriften des Marschalls. Neben dem Verkehr mitden genannten Generalen trat der König, der Lage der Dinge gemäß, in Fragender Kriegführung nur noch mit einem oder dem andern Französischen Marschallin gelegentliche Verbindung, dabei aber gab es nichts zu lernen, und seineAeußerungen bleiben meist auf ganz allgemeine Sätze beschränkt. Friedrichüberragte eben seine Zeitgenossen so sehr, daß er, seitdem er gereift war,seit 1745, nur noch gelegentlich an ihnen, nicht mehr von ihnen lernte.

Dagegen benutzte er jede Möglichkeit, sich durch Aussprachen mit Leuten, dieetwas gesehen hatten, über die Verhältnisse fremder Armeen zu unterrichten.

So sprach er Anfang September 1754 mit einem von ihm wohlgclittencnjungen Franzosen, dem Grafen Gisors, eingehend über die Oesterreichische Armee,die dieser auf einer Reise nach Wien eben kennen gelernt hatte.*)

Mit Spannung verfolgte Friedrich die kriegerischen Vorgänge in Europa.

*) I.o ttoiutv äö (7i80!'-i, Iior Oruiüllo Roosset, t'-uös 1868.

1 *

k