Sobald wir jedoch in der Philosophie die Gesamtkulturuntersuchen, von der die Wissenschaft nur einen Teil bildet, müssenwir auch daran denken, daß diese Gesamtkultur ein Produkt derGeschichte ist, und daß ihr „Sinn“ sich daher ohne Berück-sichtigung ihres historisch bedingten und nationalen Charaktersnur sehr unvollständig verstehen läßt. Es gibt im geschichtlichenKulturleben nicht „Menschen überhaupt“, sondern nur Gliedervon Völkern und Nationen. Wer das nicht einsieht, oder für philo-sophisch unwesentlich hält, ist in der „Aufklärung“ des 18. Jahr-hunderts stecken geblieben.
Daher habe ich als Deutscher mich nicht gescheut, in den Schluß-abschnitten über die Probleme der außerwissenschaftlichen Welt-anschauung ein Beispiel heranzuziehen, das uns Deutschenvon heute besonders nahe liegt. Der wissenschaftliche Charakterder Ausführungen, die sich auch hier an alle theoretischen Menschenwenden, wird gerade dadurch am besten gewahrt, daß die zur Er-läuterung dessen, was eine außerwissenschaftliche Weltanschauungist, herangezogenen geschichtlichen Tatsachen in einer von einemDeutschen verfaßten Schrift, sich ausdrücklich und bewußt auf dasgegenwärtige deutsche Kulturleben beziehen. Die Glieder andererNationen mögen an andere Beispiele denken, die ihrem eigenen ge-schichtlichen und nationalen Kulturleben entnommen sind.
Gewiß hat die Philosophie als Anthropologie nicht nur Pro-bleme, die man in diesem Sinn „aktuell“ nennen kann. Aber ebensogewiß läßt sich bei der Behandlung einiger anthropologischer Fra-gen eine solche Art der Aktualität nicht ganz vermeiden, fallsdeutlich werden soll, daß die Anthropologie auch als Wissenschaftnicht wirklichkeitsfremd zu werden braucht, sondern eine Sachebleibt, die jeden „existierenden“ und zugleich nachdenkendenMenschen, also nicht nur den Philosophen vom „Fach“, etwasangeht.
Die Widmung des Buches soll dem Dank Ausdruck geben, denich der hiesigen theologischen Fakultät für die Verleihung ihresEhrendoktors an meinem siebzigsten Geburtstag schulde.
Heidelberg, im August 1934.
D. theol. h. c. Heinrich Rickert.