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Die Chroniken des Wigand Gerstenberg von Frankenberg
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Auch die Frankcnberger Chronik richtet sich an eine bestimmteAdresse. Wie die Lehr, für den Hof, so ist die Stchr. für dieBürgerschaft bestimmt. Seiner Vaterstadt zu Ehren, wie er aus-drücklich sagt, hat G. sie gemacht, geschrebin unde vor eyn ge-dechtenisfse geschenckt unde gelafsin, syner darbic zu gedencken').Auch von ihr liegt das eigenhändige Original, wiederum nicht ohneLüchen, noch heute vor 2 ). Auch sie ward mit zahlreichen Bilderngeschmückt, für deren Anfertigung G. wohl gleich selbst, auf eigeneKosten, Sorge trug; ausgeführt gewesen sind sie diesmal alle 9 ). Undauch darin gleicht nun die Stchr. der Lehr., dafs sie ebenfalls einepädagogische Tendenz proklamiert und verfolgt. G. will zeigen, wiedie 'selige Stadt' Frankenberg 'vor alten Jahren' dadurch 'in gro/serEhre und in herrlichem Reichtum' geblüht habe, dafs die Bürgernicht ihren eygen nottz, sondern der stad gemeynen nottz waltenlielsen 4 ). Er will, kurz gesagt, den Gemeinsinn nähren an dem Be-wul'stsein einer grofsen Vergangenheit. Und er hat in diesem Falleseinen löblichen Zweck voll erreicht. Der Frankcnberger Lokal-patriotismus zehrt noch bis auf den heutigen Tag von dem, was G.ihm vorgehallen und — eingeredet hat.

Bas Mittel, dessen sich G. in maiorem civitatis gloriam bedienthat, ist kein lauteres gewesen. Bas Bemühen, der Vaterstadt eineansehnliche Geschichte zu geben, hat den Chronisten ganz auf dieAbwege der Geschichtsfälschung geführt, die ihn schon in der Lehr.zuweilen gelockt hatten 5 ). Freilich damals schob er nur hier und daeinmal einen erfundenen Zusatz ein, jetzt häuft er Erfindung aufErfindung. Man kann deshalb wohl sagen: G. ist in der Stchr. einvöllig anderer als in der Lehr. 6 ). Bat's die Stchr. manche Fabelnenthalte, mufste man in neueren Zeiten wohl von selbst einsehen.Aber man hielt den Verfasser für den gutgläubigen Nachcrzälderdieser Fabeln"'). Bas ist irrig. G. hat alles Ungeschichilichc seinesWerkes — und das ist sehr viel mehr, als man bisher glaubte —selbst erdichtet. Aus der Luft gegriffen ist seine Berufung auf dievielen' alten Urkunden, Chroniken und Rechtsbücher, die beim Brandvon 1476 umgekommen sein sollten 9 '). Ganz plump gefälscht sind dieangeblichen Privilegien von Karl dem Grofsen, Konrad L, HeinrichRaspe und 'anderen Fürsten und Herren'; zwar verbrannt*), dochthm bekannt 10 ). Ein Hauptstück dieser Fälschertätigkeit ist das imWortlaut gegebene, bisher immer als echt benutzte, grofse PrivilegLandgraf Heinrichs I von 1294 u ). Huuptquelle dieser selbst-yeschniiedcten Urkunde, die sozusagen als Privilegium maius einemechten Privilegium minus von 1291 angereiht ivird, ist ein PrivilegLandgraf Heinrichs II für Marburg von 1357 n ). Mit ihm verquickt

, ') 467 oben; vyl. 388. 2 ) Näheres unten im Abschnitt Handschriften.

X Proben unten (nach 480) Tafel III IV. V. A ) 387 f. ') Vgl. oben

' . in. Anm. 7. Von einem hohen Alter Frankenbergs weiß G. in der Lehr, nochni ehts, während er Marburg dort ein solches andichtet (92. 148), ivas ihm nun-WjeÄr in der Stchr. wieder nicht recht in den Kram paßt, vgl. 405 u. 424 unten.

) Sehr bezeichnend ist, daß er in dieser noch nachträglich fälscht; s. 154 m.f nt >i- 3; vgl. 268 Anm. 14 u. 19. 7 ) Vgl. Vistor ZHG. 27, 43 u. 92—104.

» v 9l 388 u. 457 m. Anm. 7. a J 457. '") 402 ff- 406 f. 412 f u. s. w.

) 420—422. < 2 ) Vgl. 420 Anm. 5.