Einleitung.
I. Leben und Werke Gerstenbergs.
Der Zeitraum, den das Leben des Chronisten Wigand Gersten-berg (1457 — 1522) umfaßt, gehört in der hessischen Geschichte zuden innerlich reichsten Perioden. Es sind die beiden letzten Genera-tionen der Vorbereitung auf das glanzvolle Hervortreten Hessens imZeitalter der Reformation. Das Land befand sich, wenn auch untermancherlei Rückschlägen, im allgemeinen doch in staatlichem undvolklichem Aufschwung. Das trug mit dazu bei, den Blick auf dieVergangenheit zurüclczulenkcn. Während man es jahrhundertelangin Hessen an geschichtlichen Aufzeichnungen sehr hatte fehlen lassen^),begannen solche jetzt häufiger zu werden 2 ). So standen bereits eineReihe von Vorarbeiten zu Gebote, als damals an mehreren Stellenzugleich und unabhängig voneinander auch größere Zusammen-fassungen versucht wurden. Auf eine ganz neue Stufe der Entwick-lung wurde die hessische Geschichtsschreibung plötzlich gehoben durchden im Jahre 1442 geborenen Chronisten Johannes Nuhn von Hers-feld, den Verfasser zahlreicher frisch und lebendig geschriebener Werkevon teiliveise stattlichem Umfang. Nuhns chronistische Tätigkeit, diebis in die zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts reicht, hat ihrenSchiverpunkt in Niederhessen. Nach Oberhessen dagegen weist eineChronik, die als Ganzes leider verloren ist und deren Verfasser völligim Dunkeln bleibt: die Hessenchronik, wie Gerstenberg sie nennt, dersie ausschrieb und ihr vielleicht viel mehr verdankte, als seine Citateerkennen lassen 3 ). Auch Gerstenberg war ein Oberhesse. Seine HeimatFrankenberg lag in echtem Chattenland, gehörte aber, wie das rhein-fränkische Marburg, politisch zum Lande an der Lahn. Niederhessenwar in der Zeit getrennter Regierungen von 1458 bis 1500 für G.sozusagen Ausland. Er weiß dort persönlich wenig Bescheid 4 '). Mitseinem älteren Zeitgenossen Nuhn hat er keine Berührung. Auch mitdessen Art hat er nichts gemein: er ist schwerfälliger, aber sehr vielgründlicher. Als Geschichtsschreiber Hessens steckte G. sich eineniveiten Rahmen; er unternahm es, in planmäßiger und umfassender
') Uebcr die Chronik Eiedescls s. unten, Quellen H (Nr. 28 u. 29).'') Vgl. Pistor ZHG. 27, 8 ff; 28, 124 ff u. 134 ff; Diemar ZEG. 37, 35 f u. 43 f.") Näheres unten, Quellen H (Nr. 28 u. 29). *) So macht er e. B. aus dem
Casselcr Kloster Ahnaberg (Kl. Hessenchr. Aiienberg) wenigstens das 1. mal, 239,ein Annenberg.
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