XIII
erster Stelle zu nennen ist. Wenn wir davon absehen,daß es unkünstlerisch wirken muß, wenn der eigent-lichen Novelle eine Einleitung vorausgeht, in der dieEhefrage, in Dialogform gekleidet, theoretisch so ein-gehend behandelt ist, daß sie die Hälfte des ganzenTextes ausmacht, so scheint mir die hohe Einschätzungder Groß'schen Darstellung durchaus berechtigt. Nurmuß man zunächst Schlagworte wie Humanismus undRenaissance völlig beiseite lassen, 1 ) will man den richtigenStandpunkt gewinnen, von dem aus Erhart Groß zu be-urteilen ist. Wir haben es mit einem Kartäusermönchzu tun, dem geistliche, religiös-seelsorgerische Aufgabenobliegen, die ihn dann zu schriftstellerischer Tätigkeitangeregt haben. So mag sein Interesse zunächst derEhefrage als solcher gegolten haben. Die sittlichenZustände im Nürnberg seiner Zeit konnten ihm dafürAnhaltspunkte bieten (Germania 35, 45). Er beklagt,daß nicht nur Jünglinge, sondern auch kaum zehn- oderzwölfjährige Kinder bereits der Keuschheit Urlaub gäben.Den Eheleuten soll seine Geschichte, die von männlichervürsihtikeit, von weiblicher Treue, Demut, Gehorsamund Charakterstärke berichtet, zum Vorbild dienen. MitBezug auf das innige Verhältnis zwischen Grisardis undihrem alten Vater schärft er der Jugend Gehorsam gegendie Eltern ein und hält ihr als abschreckendes BeispielCham vor, der seinen Vater Noe verspottete. DieKinder hätten die Pflicht, für die Eltern auch im Alterzu sorgen. Aber freilich! wie sollten die Kinder —aller menschen irdische Jcinder — zur Gottesfurcht an-gehalten werden, wo die Väter selbst nichts von Gottzu sagen wüßten. Auch die Prälaten, die zu Pilatengeworden wären, macht der Mönch verantwortlich fürden Sittenniedergang und wendet sich direkt an Gott:,Herr behüte deine Herde, denn die Hirten sind Wölfe'.Nicht minder hat Erhart Groß die Klosterinsassen, dieunter Gehorsam stehen, im Auge, auch wenn seine Er-
■) S. auch M. Herrmann, Die Eeception des Humanismusin Nürnberg S. 7.