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Johann Herbeck : ein Lebensbild
Entstehung
Seite
380
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Das Deficit war im Grunde genommen nicht so kolossal, daß man des-halb eine Kabinctskrisis hätte hcrbciznführen brauche». Man hätte eS Herbeck nurdann zur Last legen können, wenn man entweder zu beweisen im Stande gewesenwäre, daß er ein Verschwender gewesen oder daß er den Theatcrkarrcn in künst-lerischer Beziehung verfahren habe. Keines von beiden war aber der Fall. ZnmVerschwender kan» ein Thcaterdircctor, der die Verausgabung eines jeden Kreuzersvon der hohen Behörde ansnchcn muß, nicht leicht werden; er war überdies-— obwohl eine durch und durch noble Natur — zum Verschwender wedergeboren noch erzogen, was seine musterhaften Privatverhnltnisse deutlich bewiesen.Was er in künstlerischer Richtung geleistet, haben diese Blätter getreulich berichtet.Seitdem — wie man glaubte — ihm ein freierer Spielraum gestattet war,hatte er in Anbetracht der drückende» Verhältnisse, unter denen er arbeite»mußte, wahrhaft Großes geleistet: „Manfred", Goldmark's große Oper „DieKönigin von Saba", Goetz' reizende und bedeutende „Widerspänstigc" gingen— musterhaft scenirt und stndirt — binnen weniger Monate i» Scene, eine

neue Oper „Die Folknnger" standen in Vorbereitung. Speidel lieferte

anläßlich des Abganges Herbeck's von der Oper eine treffliche Charakteristikdesselben in seiner Eigenschaft als Direktor und eine Schilderung der Ver-hältnisse, unter denen er zu wirken hatte.

„Er ist kein lockerer Glückspilz wie Salvi, kein leichtfertiger Arbeiterwie Eckert, und von Dingelstedt unterscheidet ihn schon die fachmännischeEinsicht in die Kunst und in das Handwerk der Musik ......

„Wir werden uns nicht bemühen, in Herbcck das Ideal eines Opern-dircctor's zu zeichnen. Es hat nie eines gelebt und wird auch nicht leben. Aerbeckstand gegen manche Andere dadurch im Rachtheil, daß er vcrhältnißmäßig spät,schon als ein gemachter Mann, mit dem Theaterwcsen bekannt geworden. Werans den Brettern gleichsam erzogen ist, hat vor dem später Kommenden immerbedeutende Stücke voraus. Ihm dagegen kam die Bühne als etwas Fremdesentgegen, welches er freilich mit seiner unvergleichlichen Findigkeit und bildsamenEmpfänglichkeit rasch begriff und sich assimilirte. Bald stand er fest ans denBrettern, und er erfaßte seine Aufgabe mit einem künstlerischen Ernst, mit einemPflichtgefühl und einer Energie, die gewiß nicht ohne große Ergebnisse gebliebenwären, wenn man ihnen freie Entfaltung gegönnt hätte. Alan kann eö ruhiganSsprcchen, daß Herbcck redlich geleistet hat, was unter den gegebenen Verhält-nissen zu leisten war. Man mußte ihn am Werk sehen, man mußte ihn ans derProbe beobachten, um von seiner Vielseitigkeit, seinem Ucbcrblick, seiner Schlag-fertigkeit einen Begriff zu bekommen. Er hatte ein Auge, ein Ohr, ein Wortfür Alles und Jedes. Eine anszuführcnde Oper wußte er auswendig bis znmkleinsten Versetzstück und bis zur letzten Note; er gab scenische und dramatischeWinke; er korrigirtc singend eine musikalische Phrase, er ermunterte oder dämpfteden Chor, er wies ein vergriffenes Tempo in's richtige Geleise. Der ganzecomplicirte Mechanismus einer Oper stand lebendig vor seiner Phantasie undseinen Sinnen. Seine nie angetastete künstlerische Autorität wußte Respect ein-zuflößen, und groß war seine Gabe, ans jedem Künstler die beste Kraft zn

') Fremdenblatt Ne. 121. I. 1875.