27
Eine andere Tochter, Veronika, war znr Zeit, als Herbcck mit derFamilie Halstuker bekannt wurde, bereits an den Kalligraphen Moriz Greincrverheiratet. Greiner war ein soll' wmäs man, hervorragend in seinem Facheund eine energische Natur. Seine Kindheit war öde und trüb, er hatte mitdem Schicksale noch mehr zu kämpfen gehabt, als Herbcck. Früh znr Waisegeworden, ward ihm das Glück zu Theil, daß sich der Bischof von Erlau seinerannahm. Als aber der Wohllhütcr gestorben war, stand der junge Mann ziel-und mittellos allein in der Welt und sah sich gezwungen, zu einem Pester Gold-schmied in die Lehre zu treten. Nebenbei hatte er sich der Kupferstechern undKalligraphie zugewandt, und da er bei Tag im Geschäfte sein mußte, so bliebihm znr Erlernung seiner Lieblingsfncher nur die Nacht übrig. In einer elendenDachkammer arbeitete er beim Scheine einer sauer erworbenen linschlittkerzc,und es gelang ihm, nach Jahren endlich so viel Geld ans seine» ArbeitenheranSzuschlage», daß ihm eine Neise nach Wien, welche Stadt ihm als einkünstlerisches ckoraäo erschien, ermöglicht ward.
In der großen Stadt Wien mit seinen glänzenden Palästen und elendenHütten gelangte nun Greiner bald an den Punct sich entweder zu erhängenoder den Tod in den Flnthen der Donau zu suchen. Er hatte ein wunderbar-gezeichnetes, ans Banknoten bestehendes Quodlibet angefertigt, und verfielin der Verzweiflung ans die gute Idee, sich mit dem Kunstwerke bei der,die Stadt mit der Leopoldstadt verbindenden Ferdinandsbrücke ausznstellen.Natürlich waren bald viele Mensche» um ihn versammelt, welche das Bildanstannten, und durch diesen Znsnmmenlnnf ward die Aufmerksamkeit desgerade vorübcrfahrenden Kaisers Ferdinand erregt. Er ließ die Eguipageanhalten, und als er den Grund der Ansammlung erfuhr, befahl er Greinerfür de» nächsten Tag in die Cabinets-Kanzlei. Dort wurde ihm ans Befehldes Kaisers ein Geschenk von achtzig Gulden verabreicht. Mit der Noth hattecs nun ein Ende. Greiner wußte sich als Schreiblehrcr bald einen solch' aus-gezeichneten Nus zu erwerben, daß es fast keine aristokratische und reiche Bürger-familie in Wien gab, deren Kinder nicht Unterricht von ihm genossen hätten.Merkwürdig ist es, daß Greincr dem jungen Herbcck anfangs mir großemMißtrauen, man kan» sagen, feindselig begegnete, und daß beide in der Folgedoch sehr gute Freunde winden.
Herbeck übernahm also den Unterricht des Knaben Stephan. Dieserwar musikalisch gänzlich talentlos, aber er erreichte in einer anderen Sphäreeine schöne Lebensstellung ch. Durch die häufigen Besuche des Hauses lernteHerb eck Marie Halstuker, seine spätere Frau kennen und liebe». Wieder istes eine Reihe von Liedern, welche von seiner begeisterten Stimmung in jenersüßen Liebeszcit Zengniß geben. In dieser Epoche entstanden folgende Com-positionen für eine Singstimme mit Begleitung des Claviers:
') Schaffner ist Oberbuchhalter der „Anglo-Ocstcrreichifchcn Bank".