die unleugbare Thatsache, dass unser Denken durch die mündlicheDarlegung gar sehr gefördert werden kann, dass es an Lebhaftig-keit und Klarheit gewinnt, dürfte wohl in erster Linie auf physischeZustände, größere Erregung, raschere Circulation etc. zurückzu-führen sein. Immerhin soll hier bemerkt werden, dass es gewisskein Zufall ist, dass der Typus des wissenschaftlich discursivenDenkens, die sokratische Dialektik, nicht in der Studierstubedes Gelehrten, sondern im lebendigen Wechselgespräch, im sokrati-schen Dialog, sich entwickelt hat. Im Folgenden aber wollenwir der Einfachheit halber unsere Betrachtung auf das lautloseDenken des Einzelnen beschränken, welches denn doch der Selbst-beobachtung einen etwas größeren Spielraum gewährt.
‘2. Und da möchte ich vor allem noch eine wichtige Vor-bemerkung einschalten. Offenbar ist es psychologisch gleichgiltig,ob ich mit einem wirklichen oder fingierten Mitunterredner michunterrede. Der letztere Fall tritt aber ein, so oft ich mein stillesDenken in die Form einer mündlichen Auseinandersetzung kleide,einerlei ob ich dabei wirklich laut vor mich hin spreche, oder nur dieSprachorgane entsprechend leise bewege, oder auch nur im Central-organ die Innervation vor sich geht. Die bloße Thatsache also,dass mein Denken von Wortbildern begleitet ist, beweist durchausnichts für den anschaulichen oder begrifflichen Charakter des Denk-actes selbst. Denn auch ein rein anschauliches Denken kann in lautgesprochene und also a fortiori in bloß innervierte Worte aus-strömen. Hiemit hat es, denke ich, folgende Bewandtnis. Ein jedeslebhafte Denken bedingt eine beträchtliche physiologische und so-gar emotionelle Erregung. Jede Emotion aber hat die Tendenz, inirgendwelcher Thätigkeit sich zu entladen, die psychische Er-regung abströmen zu lassen. 1 ) Nun ist aber jede Vorstellung mitden entsprechenden Thätigkeiten der Sprachorgane associiert, undes ist deshalb nichts natürlicher, als dass die Erregung des Denk-actes auf diesem associativ »gebahnten« Wege abströmt. Nichtdadurch also wird das begriffliche Denken, d. h. das Denken inallgemeinen Worten, charakterisiert, dass auch die zugehörigensprachlichen Innervationen stattfinden, dass also auch Worte zuconstatieren sind, sondern dadurch, dass nur Worte und keine an-schaulichen Vorstellungen in unserem Bewusstsein ablaufen. UnsereUntersuchungen dürfen sich deshalb nicht um die Frage drehen,
l ) Breuer und Freud, Studien iiher Hysterie, cap. 3.