Ueber das Diplom 8t. 3106, vom 4. Mürz 1114, für Kloster Muri. Z95
Zwei in den ^.eta Nureiwia stehende Urkunden — diejenige der Cardinüle(Quellen zur Schweizer Geschichte, III, 2., 2. Hälfte, 37 u. 38) und eben 8t. 3106(I. e., 41—44) — sind nun gleichfalls der Gegenstand kritischer Erörterungdabei geworden. Nachdem Hirsch — I. e., XXV, 261 ff., 414 ff. — beide Urkundenbehandelt hatte, stellte Brackmann, in Excurs II zur Abhandlung: Papsturkundender Schweiz — Nachrichten von der König!. Gesellschaft der Wissenschaften zuGöttingen, Philol.-histor- Klasse, 1904, 477 ff. —, sowohl die Cardinalsurkunde,als 8t. 3106 als Fälschungen hin. Dagegen vertheidigtcn sowohl Hirsch,als Steinacker, jener in den Mittheilungen des Institutes sür österreichischeGeschichtsforschung, XXVI (1905), 479 ff., dieser ebenda, 508 ff., die Echtheit.
Die einleitenden Worte der Xcta zu der Cardinals-Urkunde, in e. 12 derKiem'schen Ausgabe (I. c., 36 u. 37), sagen, daß Graf Werner I. von Habsburgnach der — am 2. Februar 1086 — zu Otvingen (Otviwugen: d. h. Othmar-singen, bei Lenzburg) geschehenen Verhandlung den Edlen Eghart von Küßnachbeauftragte, das Kloster Muri zu Rom dem Schuhe des heiligen Petrus zuübergeben, gegen einen jährlichen Zins: tzui cum uä Romani veui886t, ns8eioguicl cau8ö extiterit, guock non potuit ackirs pspain, 8eck ip86 nmnia, 8ieut8ibi eoinweväatum kuit, iuplevit ae esimuin porbolvit intimavitgus eunetarits ae porkeeto curckinalibn8, gui tune Uoino kusrunt. 6umguo boe Luäi88ent,gavibi 8vnt valcks oeripseruntgus csrtam lidertatig et mi8erunt due, gus ita86 badet. Im Wortlaute der Urkunde selbst sprechen die Cardinüle: Xo8 ear-clinalev Romano eeclesis notuin täeimua . . . 8i inveniuntur, guoü pr686nt6pontiöeo rsl atwents aä N08 rolsruntur rs8 ecelsois vsntilanäs; uncks guiaeo abssnt6, siu8 pot68tat6 in nodi8 per ketium ckivinitua collata prs8ents,oinnilnm duie rei kaventidus ex part6 beati Retri 6t pap6 apoetolieain msncla-mus deneäietioueni (etc.). Brackmann erklärt nun die Urkunde erstlich deßwegenfür eine Fälschung, weil darin von einem Schuhverhültnisse des Papstes fürMuri, von einer Zinspflicht des Klosters die Rede sei, während in der ältestenerhaltenen Papsturkunde der Abtei, Jnnocenz' II-, von 1139 — I. 7984 (beiKiem, 111—113) — davon mit keinem Worte gesprochen werde, und zweitens,weil der Fälscher — als solcher gilt Brackmann der Verfasser der Xeta —noch in 9. 7984 mit seiner Tendenz in Verbindung stehende Worte, die nichtin den Zusammenhang passen, von il.tgu6 bis Ineeat (I. o., 112), auf eineRasur in die Papsturkuude hinein corrigirt habe. Dabei übersah aber Brack-maun den Umstand, daß im Jahre 1086 am 24. Mai zwar Abt Desiderius,als Papst Victor III., gewühlt worden war, aber schon alsbald seine Wahlselbst als ungültig erklärte, Rom verließ und erst am 9. Mai 1087 zurückkamund sich als Papst inthronisiren licß°). So waren die Cardinüle in der Lage,in der Art und Weise einzutreten, wie das in der Urkunde zum Ausdruckgelangt. Das waren aber Dinge — daß Eghart von Küßnach bei seinem Ein-treffen in Rom einen Papst gar nicht vorfand, daß er sich deßwegen eben an dieCardinüle wenden mußte —, die ein erst Jahrzehnte nach dem Jahre 1086 inMuri schreibender Fälscher niemals Hütte wissen können')' Ferner jedoch zeigtauch Hirsch — I. c., 482-486 —, daß die durch Brackmann in 9. 7984 ver-mißte Erwähnung der Zinszahlung in diesem Privileg Jnnocenz' II. doch ent-halten gewesen sein kann.
Brackmann zieht weiter noch 8t. 3106 in diesen Kreis der Fälschungenhinein: 8t. 3106 könne nicht echt sein, weil auch hier das Schutzverhältniß zumPapste, das nach ihm noch 1139 nicht bestand, bestätigt werde, und die Fälschungsei aus Grund eines Originals Heinrich's V. für Muri, das der Verfasser derileta vor sich gehabt habe, erwachsen. So wird 8t. 3106 hier als aus 8t. 3202,Heinrich's V. Urkunde sür Engclberg von 1124^), beruhend erklärt°). Allein
«> Vergl. Bd. IV, S, 153—157, 177 ff.
7) Auf die äußerst künstlich zurecht gemachte Hypothese Brackmanu's — Steinacker
nennt sie, 1. , bla, einen „diplomatischen Romam —, von den zwei in Muri sich be-
fehdenden Parteien, der Hirsauer und der habsburgfreundlichen antihirsauischen, die sichum die Reform mit Fälschungen die Fehde liefern, braucht — vergl. Steinacker, 1. o., 5IUu. 511 — hier nicht näher eingetreten zu werden.
8) Stumpf hielt diese Urkunde von 1124 für eine Fälschung, und ebenso ist sie imUrkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, I, 148—158, als solche bezeichnet. Dagegen