Druckschrift 
6 (1836)
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
 

schende Merkmal der englischen Malerschnle. Mansiebt kühne Ausführung und schönes Kolorit, aberman bemerkt einen Mangel an Empfindung. Nichtserhebt, rührt oder faßt die Seele bei der großenMehrzahl unserer Künstler. Wirklich schiebe ich dieSchuld hievon hauptsächlich der geringen Macht zu,welche die Religion in unsrer Zeit über die Einbil-dungskraft ausübt. Es fällt von selbst in's Auge,daß die Religion es ist, die dem Maler wie demBildhauer seine idealsten Schöpfungen eingeben muß,denn sobald der Künstler die Gestalten des Himmelsdarznstellen sucht, muß er sich nothwendig über dieErde erheben. Er malt nicht mehr blos einen Sterb-kichen er kann nicht mehr blos auf die physischenFormen sein Augenmerk richten er muß den aus-ser» Blik schliefen und durch Anstrengung seinerFantasie etwas Hervorrufen, das über den sichtbare»Erscheinungen des Tags steht. Dies ist es, wasdem kapitolinischen Jupiter seine unaussprechlicheMajestät, der medicäischen Venus idre züchtige Wol-lust mittheilt und in die zornige Schönheit ApollSdas Geheimniß und die Herrlichkeit eines Gotteshaucht. Ebenso begeisterte und erhob in der italie-nischen Schule das religiöse Gefühl die Seele desKünstlers und gab Michel Augelo seine erhabenenScbrelken, Raffael seine überirdische Harmonie. Inder That ist es nickt die Religion allein, was dieseBegeisterung erzeugt, sondern die Gewohnheit, dieGedanken zu erhebe», die Fantasie zu kräftigen, wie