Druckschrift 
Aus Jean Paul's Leben
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

55

freudiger folg' ich ihm nach dem zweiten Tischgebet aus dieStraße, wo er so selig wird, als irgend eine junge Seele anseiner Pfarrei.

Gange in tiefer Dämmerung und halber Nacht berauschenund begeistern die Jugend. In ihr zog nun an den Markt-tagen die Janitscharenmusik durch die Hauptstraßen; und Volkund Kindertroß zog betäubt und betäubend den Klängen nach,und der Dorfsohn hörte zum erstcmnale Trommeln und Qucr-pfeifchcn und Janitscharenbeckcn.In mir dieß sind seineeigenen Worte der ich unaufhörlich nach Tönen lcchzctc,entstand ordentlich ein Tonrausch, und ich hörte, wie der Be-trunkene sicht, die Welt doppelt und im Fliegen. Am meistengriffen in mich die Querpfeifen ein durch melodischen Gang inder Höhe. Wie oft sucht' ich nicht diesen Gang vor dem Ein-schlafen, wo die Phantasie das Griffbrett oder die Tastaturverklungener Töne am leichtesten in die Hand bekommt, wiederzu hören, und wie bin ich dann so selig, wenn ich ihn wiederhöre, so innig selig, als ob die alte Kindheit wie ein Tithonunsterblich geworden, blos mit dem Tone, und damit sprächezu mir! Ach leichte, dünne, unsichtbare Klänge tragen undbeherbergen ganze Welten für das Herz, und sic sind ja See-len für die Seele." Vielleicht schnitten Töne der höheren Ok-tave am tiefsten ein. Engel behauptet zwar, daß die eigent-lichen Wohllaute sich zwischen den tiefen und den hohen Tönenaufhalten; aber man könnte sagen, über beide hinaus liegteben die poetische Musik. In der dunkeln Baßticfe der nie-drigsten Baßklänge woget langsam unten vergangne, abgelau-sene Zeit; hingegen die scharfe Höhe der äußersten Diskant-töne schreiet und schneidet in die Zukunft hinein, oder rufetsie heran, indem diese tönen und das Scharfe und Enge ans-