228
rend die Hirten in der Nachbarschaft der höchsten Alpen mit Wit-terung nnd kargem Boden streiten, welcher ihnen für die langenWinter kaum das Brennholz gebiert, genießt das Volk der heiternThalnngen gemächlichern Daseins. An seinen Hügeln reift dieTraube; seine Ebenen tragen Kor» und Obst; seine Straßen sindvom Handel belebt. — Der rohe Berger in halber Wildheit bleibtseiner eigenen Anlagen und der Mittel unkundig, sie zu entwickeln;die Leute des Thals, minder um Erhaltung besorgt, erheben sichüber das Nothdürftige zum Genuß des Anmuthigcn. Wohlstandbildet Sinn für das Schöne. Bermchrter Umgang entfaltet Keimealler Tugenden und Laster des gesellschaftlichen Lebens.
Wenn aber auch weder Klima noch insularischcs Leben nichtansreiche» sollten, einzelnen Bezirken des Hochlandes den unter-scheidenden Charakter einzelner Völkerschaften zu geben: sowürde es die Mannigfaltigkeit der Sprachen können, die sonstNationen zu scheiden pflegt.
Das Volk der rhätischcn Gebirge ist, ohne Zweifel, aus an-geworfenen Trümmern verschiedener Reiche entsprungen.—Zweigedes großen, uralten galischcn Stammes, verirrt in diese Einöden,belebten sie unter dem Namen der Tauriskcr und Lepontierzuerst, wie alte Schriftsteller nach schwankenden Sagen sie nen-nen. — Die Kriege der Gallier in Italien, mehr als ein halbesJahrtausend vor unserer Zeitrechnung, verursachten in ThuSeienAuswanderungen. Die Wildnisse der Lepontier und Tanrisker wur-den Zufluchtsort Unzähliger, welche hinter unwirthbaren Felsen,vor den Schrecken des Kriegs, vor de» Grausamkeiten der Bar-baren, diejenige Ruhe zu finden hofften, welche in den schönenGefilden Italiens so selten einheimisch war. Livius zeichnete dieSage davon auf. Der Führer der Flüchtlinge Thuscicns sollRhätus geheißen haben. Sein Name erbte ans das Volk. Nochheutiges Tages bewähren halberloschene Spuren die Acchthcit der