Ueber Größe und Untergang des FreistaatsVenedig.
1. Ursprung Venedigs.
Einige kleine Gemeinden, aus Fischern und Schiffern gebildet,die ihre Hütten vorzeiten an der Küste des adriatischen Meeres ansSandbänken und nnwirthbaren Inseln, mitten in Sümpfen, anf-schlngen, vcrmuthctcn schwerlich, daß sie Gründer eines Staateswären, der die Hälfte Norditaliens, ganz Dalmatien, Korfu undZephalonien, mit den gegenüber gelegenen italienischen Uferstädten,den Peloponnes, sammt den Trümmern Korinths und Athens,Kandien und Chpcrn, den griechischen Archipel, die europäischenund asiatischen Gestade des schwarzen Meeres und den Welthandelbeherrschen würde. Und diesem Staat, der noch vor dreihundertJahren den wider ihn verbündeten Mächten des römischen Kaisersund Papstes, Frankreichs und Spaniens und der osmanischen PforteSpitze bot, ahnete nicht, daß er in unfern Tagen kraftlos, unbe-klagt aus der Reihe selbstständiger Reiche — durch einen bloßenFederstrich verschwinden könne.
Die Nachwelt hat keine Ursache, über dergleichen Schicksal zuerstaunen. Es sind der Beispiele genug, wie Tugenden, aus Liebeder Freiheit und des Ruhms entsprossen, Kleines mächtig machten,und wie altherrliche Reiche durch Selbstsucht und Niederträchtigkeitihrer Häupter und Bürger zu Grunde gingen. Verderbten Ge-schlechtern spricht der Mund der Geschichte vergebens ihre ewigenWahrheiten. Das Schicksal hat sie dem Untergang geweiht.