so
der aus nordischer Kraft und südischer Ucppigkeitssucht entstandenenSittenverwilderung des Jahrhunderts, da Muth die höchste Tugend,Schwelgerei der höchste Genuß zu sein schien, wurden ihrer vielevon allen Lastern des Zeitalters befleckt. Nur starke Gemütherkönnen ohne Gefahr das Bewußtsein unbeschränkter Gewalt er-fragen; den übrigen wird cs zum Rausch, in welchem sie schamlosoffenbaren, was sie im Privatstande verdecken, und beim Rechte,über Andere zu herrschen, nicht daran denken, sich selbst beherrschenzu müssen. Auch fehlte es nicht an solchen, welche den Geuuß derHoheit in ihren Familien zu vererben bemüht waren, und sich schon,während ihres Lebens, Söhne oder Brüder als Mitherrscher zu-geselltcn.
Allein ein Volk, alter Freiheit gewohnt, durch tägliche Aben-teuer zu Land und Wasser verwegen, durch kaufmännisches Gewerbeverschmitzt, konnte sich nicht so leicht zum Erbcigenthum einesMenschen hingeben. Den stärksten Hort seiner Rechtsame fand esin der gegenseitigen Eifersucht der reichern Geschlechter, deren jedesAnhänger zählte. Vierhundert und fünfundsiebenzig Jahre langschwankte der kleine Staat zwischen Gewaltherrschaft seiner Fürste»nnd gesetzlosen Bewegungen der zum Aufstand allezeit rüstigenMenge. Von fünfzig Herzogen in derselben Zeit wurden fünf er-mordet, eben so viele mit auSgestochen'en Augen verbannt, neunandere entthront und verjagt, während fünf andere ihrer Würdefreiwillig entsagten.
Diese Unruhen und Gährungen gefährdeten aber nicht im min-desten das Leben oder die Unabhängigkeit des kleinen Staates,so wenig, als Steigen nnd Fallen und Umtriebe von Höflingeninner dem Palast des Fürsten sein ganzes Reich auflöscn. AlleErschütterungen wirkten nicht über die Lagunen hinaus. GanzItalien war ohngefähr in ähnlichem Zustande innerer Zerrüttun-gen, aus denen sich neue Formen der Gemeinwesen entwickelten.