Druckschrift 
33 : Abt. 3, Vermischte Schriften ; 6 (1854)
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen
 

46

Der Name des römischen VeneticnS verschwand mit Roms Herr-lichkeit. Er ward mir noch von de» Unglücklichen bewahrt, die sichauf den Inseln der Sümpfe angenistet hatten, nnd in ihrer Ent-legenheit und Armuth Schutz vor der Habsucht nnd Grausamkeit,barbarischer Sieger fanden. Ihre Hütten ragten, wie Nester derSeevögel, über der Oberfläche des Meeres. Mit aufgeworfenenDämmen schirmten sie dieselben gegen die Wellen. Fischfang ge-nügte zur Nahrung. Ihre Aernten waren Mecrsalz, welches siebenachbarten Gegenden feilbotcn; und weil ohne Gebrauch desBootes niemand der Ihrigen weder zur Küste, noch zu einer andernder kleinen Inseln gelangen konnte, mußte Jeder, ohne Unterschieddes Geschlechts, Schiffer sein.

So entsprang Venedig. Der nuwirthbare Boden des neuenVaterlandes gab den Ansiedlern nichts, als den Ruheplatz; nichteinmal Wasser, ihren Durst zu löschen. Was sie mit Meersalz ein-tauschten oder mit Schiffen durch Frachtfuhrcn verdienen konnten,mußte ihnen die ersten Lebensbedürfnisse gewinnen. Aber Einfach-heit und Härte ihres Tagewerks und täglicher Kampf mit Windund Welle erwarb ihnen bald den Namen der besten Seefahrer.In rastloser Gewerbigkeit wurden manche der Ihrigen aus Micth-schiffcrn Handelsleute. Als der große Gothenkönig Thevdvrichdas benachbarte Ravenna zum Sitz des Reichs und zum MarktItaliens machte, ward der kaufmännische Spielraum der Lagunen-bcwohncr erweitert. Man sah vencdischc Rudcrschiffe an den äußer-sten Spitzen Italiens. Sie holten aus den Inseln des griechischenArchipels, aus den syrischen Häfen und vom schwarzen Meer, lyri-schen Purpur, Seidenstoffe, Federn und andere Erzeugnisse desMorgenlandes. Gothen, wie nachmals Langobarden und Franken,die nach einander Herren der großen Halbinsel wurden, alle ohneeigene Schifffahrt, schirmten nnd benutzten den Fleiß der keckenSeeleute.