Die Kirchciitrcniiuiig in England, im Norden und in Polen. 619
solchen Neigung hervortraten, gegen dieselben sofort jene Wachsamkeit,welche gegen Juden und Mauren geübt worden war. Italien konntesich bei dem vielfacheren Verkehr mit Deutschland nicht gegen die neueLehre verschließen, und die Schaarcn deutscher Kriegsleute höheren undniederen Standes mußten das Land mit Kunde von den neuen Bestre-bungen erfüllen. Doch ein Zerwürfniß mit den Ordnungen der Kircheführte hier nicht zu Ausbildung neuer Lehre und neuen Kirchenthums,sondern riß diejenigen, bei denen cs cintrat, auf die Bahn des Unglau-bens und des unkirchlichcn Lebens, auf welcher sich ein Bedürfniß nachverändertem Glauben und verändertem Kirchenthum ebensowenig ent-wickelte, als eS einst in den Kreisen der gibellinischen oder der antikenBildung geschehen war. Im Osten Europa's blieb Rußland, wie esvon der abendländischen Kirche getrennt war, auch der in ihr ausge-brochencn Bewegung fremd. In Polen drang dieselbe, wie in Ungarn,vermöge der Nachbarschaft und des von der deutschen Bildung auf jeneLänder ausgeübten Einflusses frühzeitig ein, brachte cs aber in Polennoch weniger als in Ungarn zu einer Umgestaltung des Staatswesens.Dagegen fand der Protestantismus in England, sowie in den Staaten desNordens, in Schottland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Liflandvermöge der dort obwaltenden staatlichen Verhältnisse einen Boden, woer nicht bloß Wurzel faßte, sondern durch Verdrängung der katholischenReligion schon zur Herrschaft gelangt war, als er in Deutschland nochum sein Bestehen kämpfte.
2. In England ging die kirchliche Umwälzung von König Hein-rich VIII. aus, und sein Beginnen wurzelte in der Leidenschaft. EineHinneigung zu Luthers Lehre hatte er nicht, da er gegen denselben nichtlange nach dem Anfänge des Streites die kirchliche Lehre vertheidigte,wofür ihm Papst Leo den Titel eines Vertheidigers des Glaubens bei-legte. Das Verlangen nach Trennung einer eingegangencn Ehe, das schonfrüher oft dem päpstlichen Stuhle Veranlassung zum Widerstande gegenfürstliche Willkühr gegeben, versetzte den König von England bei demSchutze, den gegen ihn das Recht zu Nom fand, in eine Verlegenheit,in welcher der schon geläufig gewordene Gedanke einer Lossagung vonder kirchlichen Hoheit des Papstes einen Ausweg zeigte. Der Wunschnach einer neuen Verbindung bewog ihn, Zweifel gegen die Nechtmäßig-keit seiner Ehe mit Katharina zu äußern, die er als die Wittwe einesälteren Bruders nur mit besonderer Erlaubniß des Papstes Julius II.hatte heirathen können. Seine diesfälligen Vorstellungen langten inNom zu der Zeit an, als Clemens VII. nach der Eroberung Roms anseiner Versöhnung mit dem Kaiser arbeitete und, da er diesen durcheinen seine Tante kränkenden Ausspruch zu verletzen ganz besondersscheuen mußte, sich um so mehr zur Vorsicht aufgefordert sah. Da es auf