An den christlichen Leser.
Einst zog ein Mann durch die Straßen einer großen Stadt (also erzählt ein Prediger der Neuzeit, mit Namen Venedien)und rief aus: „Wer kauft Leben? Wer wünscht ein glückliches und zufriedenes Leben?" Alle, die es hörten, strömten her-bei und wollten den Lebensbalsani sehen und kaufen. Da zog der Mann ein kleines Buch aus der Tasche — es war dieSammlung heiliger Lieder, die wir unter dem Namen Psalmen kennen — schlug es auf und las den Kauflustigen vor:„Wer ist der Mann, der Lust am Leben hat und gerne gute Tage sicht?" — Alles lauschte ungeduldig auf die Antwort. —Nun fuhr er fort: „Bewahre vor Bösem deine Zunge und deine Lippen, daß sie nicht Trug reden; weiche ab vom Bösenund thue das Gute! — Glückselig ist der Mann, der mit dem Worte seines Mundes nicht fehlt, und den kein Leid übereine Sünde quält! Glücklich Der, dessen Herz nicht in Trauer über eine Sünde ist, und der seine Hoffnung nicht verlorenhat!" — Siehe da, mein christlicher Leser, das Mittel, wodurch wir uns ein glückliches und zufriedenes Leben bereitenkönnen! Die Freude, daS Glück, welches die Welt uns anpreist und bietet, kann nicht Jeder genießen, weil es größtentheilsvon Umständen abhängt, die nicht in unserer Gewalt liegen, und die wir in vielen Fällen selbst durch die angestrengtestenBemühungen nicht herbeiführen können. Indessen recht thun, nach dem Willen des Herrn sein Thun undLassen ein richten, das vermag ein Jeder von uns, und demgemäß hat es also auch ein Jeder, sei er reich oder arm,jung oder alt, in seiner Gewalt, die Freuden und den Frieden zu genießen, der aus einem guten Gewissen entspringt.Darum lasse es deine ernstliche Sorge sein, durch Rechtthun, durch ein Leben nach dem Gesetze des Herrnin den Besitz eines guten Gewissens zu gelangen! Der tugendhafte, rechtschaffene, gottesfürchtige Mensch ist immer auchder glücklichste Mensch, selbst dann, wenn ihm Alles abgehen sollte, was die Welt Glück zu nennen Pflegt; er ist der glück-lichste Mensch im Leben, und ist es auch im Tode. — Und siehe, hiezu möchte ich beitragen, mein lieber Leser! Ich möchtedir die beseligende Lehre des Christenthums recht klar, recht lieb und werth machen durch Wort und Bild, damit du sielieb gewinnest, darnach dein Leben einrichtest und glücklich seiest für Zeit und Ewigkeit. Siehe nur, wie leicht, wie ange-nehm ich es dir zu machen bemüht war! Die ganze, weltumfassende Lehre des Christenthums habe ich in kurze Lesestückeoder Lektionen für alleTage des Jahres abgetheilt; gar leicht läßt sich ein solches Lesestück in einer guten Viertel-stunde mit Muße durchlescn; und ist das viel verlangt, wenn du alle Tage — am Feierabende —, nachdem du vielleichtden ganzen Tag nur in zerstreuenden Geschäften, Arbeiten und Sorgen für deinen Lebensunterhalt und deine zeitliche Wohl-fahrt zugebracht hast, einige wenige Augenblicke auf die gründlichere Erkenntniß deiner Religionslehre, sowie auf die Aus-bildung und Veredlung deines Herzens verwendest? Gewiß nicht! — Damit du nun den jedes Mal behandelten Gegen-stand leichter übersehen und auffassen kannst, habe ich ihn in Fragen und Antworten zerlegt, die einzelnen Antwortenalsdann durch Belehrungen näher erklärt und durch beigefügte Bilder und anziehende Beispiele oder Erzählun-gen aus der heiligen Schrift, aus der Legende und dem Leben veranschaulicht. Am Ende habe ich auch noch unter derAufschrift: Legende die Lebensgeschichte eines am bezeichnet»! Monatstage im Martyrologium anfgeführten Heiligen inKürze erzählt und mit der behandelten Lehre in Verbindung gebracht; denn ich weiß nur zu gut, wie heilsam und nützliches sei, die Lebensgeschichten der Heiligen fleißig zu lesen und zu betrachten. Die Tugenden und löblichen Thaten frommerMenschen haben nicht bloß während ihres Lebens, sondern auch nach ihrem Tode eine eigenthümliche Kraft, die Gemütherzu bewegen und zur Nachahmung anzuspornen. Wir werden da von Bewunderung und Hochschätzung der Heiligen ergriffenund fühlen uns angetrieben, ihnen nachzufolgen. Nichts flößt einem Fürstensohne mehr Muth ein, als die Erinnerung andie ruhmvollen Thaten seiner Vorfahren. Und wie Derjenige, welcher sich der Malerkunst widmet, in seiner Kunst alle Tagegrößere Fortschritte macht dadurch, daß er die Gemälde großer Meister betrachtet und nachahmt, so wird auch Der allmähligein guter Christ, welcher täglich seine Augen auf die Tugendmuster Derjenigen hinrichtet, die einen frommen und heiligenLebenswandel geführt haben. Einen so mächtigen und gesegneten Einfluß hat also die fleißige Lesung der Heiligen-Legenden.Damit dieß nun auch bei dir der Fall sein möge, mein christlicher Leser! so habe ich am Schluffe jeder Lektion noch einkurzes Gebet beigefügt, in welchem du Gott, den Geber alles Guten, bitten sollst, daß er deine geistliche Lesung segnenund dich stärken möge zur treuen Erfüllung und Nachahmung dessen, was du Schönes und Gutes in der christlichen Lehresowohl, als auch in der Lebcnsgeschichte der Heiligen gehört und gelesen hast. —
Auf solche Weise glaube ich dir in diesem Buche ein nützliches Lehr- und Unterrichtsbuch, ein wahrhaft christ-katholisches Haus- und Familienbuch an die Hand gegeben zu haben. Möge Gott der Herr meine redliche Ab-sicht segnen! Du aber lies eifrig und fleißig in demselben, lies in christlicher Gesinnung; betrachte, so oft du zu lesen an-fängst, einige Augenblicke das Titelkupfer! Siehe, wie da der göttliche Lehrer Jesus Christus Worte des Lebensspricht an die zahlreich versammelten Zuhörer, die zu seinen Füssen sich lagern; geselle dich dann diesen Zuhörern bei, nichtjenen, die da kritisiren oder schlafen oder gleichgiltig dasttzen, sondern jenen, die seinen Worten lauschen voll frommer Heils-begicrde und voll heiliger Zerknirschung, und ich hoffe zu Gott, daß der Segen des Herrn nicht ausbleiben werde. Dießwünscht dir, christlicher Leser! vom Herzen
der Verfasser.