Druckschrift 
12 (1830) W bis Z
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

Wachsfiguren ^

Wachsfiguren und Wach sbildnereien überhaupt waren schon bei.den Griechen und Römern gekannt. Das sich jeder Künstlerphantasie so willig,schmiegende Wachs ward im griech. Alterthum auf die mannigfaltigste Weife be-nutzt; man bediente sich des Wachses zu Abdrücken bei den Siegeln, der gefärbten.Wachsstiste bei der cnkaustischen Malerei, und des Wachssirnisscs sürMarmor--wande und Statuen; auch gab es eine eigne Elaste von Künstlern, die mit den-Bildhauern und Bildgießern durch die niedlichsten Wachsbildnereien nach größcrnModellen gleichsam wetteiferten, und bei den Griechen unter der allgemeinen Be-nennung Puppenbildner bekannt waren; die Römer nannten sie 8igillarü. Wergedenkt hierbei nicht des wächsernen Amors aus Anakreon's Gedichten und der sooft nachgeahmten Gruppe der Amorverkauferin. Bei dem Schachspiele bestandendie Steine oft aus zierlichen Wachsbildchen. Bilder schöner Knaben, in Wachsbossirt, verzierten häufig die Schlafzimmer der Griechen. Am meisten wurde dieWachobildnecei zu künstlichen Zweigen, Früchten, Blumen und Kränzen ange-wendet. An dem Adonisfeste gebot eine alte heilige Sitte, dem Adonis in je-emHause einen kleinen Garten von Blumentöpfen und Fruchtkörbchen aufzuputzen,aber bei so früher Jahreszeit war cs selbst dort fast unmöglich, diese in der Naturzu finden, und Kranze, Füllhörner, Obstschalen und Fruchtschnüre von WachKersetzten den Mangel. Bei den Zaubergaukeleien des Allerthums wurden gleich-falls Wachsfiguren gebraucht, und Artemidorus erzählt in s. Traumbuche, daßWachskranze den Träumenden Krankheit und Tod bedeuten. Der berüchtigte He->liogabalus setzte seinen Tischgcnosscn tantalische Schaugerichte von Wachs vor,welche alle die Leckereien täuschend nachbildeten, die er selbst verzehrte. So wurdenWachsbilder immer nur zu Täuschungen oder zu niedlichen Kleinigkeiten gebraucht.Jetzt werden sic zu Nachbildungen anatomischer Präparate, oder um pomologischeEabinette daraus zu formen, sehr passend angcwendek; auch zu plastischen Stu-dien und Übungen, sowie zu kleinen halderhobenen Portcaitö ist das Wachs sehrgeeignet; letztere lassen sich schön und zart darin ausführen, aber lebensgroßeWachsfiguren, wie man wol auch ganze Sammlungen zeigt, deren Portraitähn-lichkeitcn man rühmt, treten aus dem eigentlichen Gebiete schöner Kunst. Ihresprechende Ähnlichkeit kann unser Staunen erregen, aber erfreuend, wie ein echtesKunstwerk, werden sie nie auf uns wirken. Das Scheinleben, welches sie lügen,läßt uns ihren wahren Tod, ihre Bewegungslosigkeit aus eine schauerliche Weiseempfinden. Das echte Kunstwerk lebt ein unsterbliches Leben, weil cs zu unsermSinn und unserer Seele spricht, ohne unsere Sinne betrügen zu wollen. DirWachsfigur scheint sich an das Sterbliche in uns zu wenden, unwillig wendet sichda unser Geist von dem seelenlosen Gaukeibilde weg, welches, wenn es mit derBeweglichkeit und Sprache eines Automats vereint wäre, uns bis zum Wahnsinnbringen könnte. Die Grenzlinie ist zart, wie weit sich das Kunstwerk der Naturnähern darf; sobald sie überschritten wird, kann es nur Widerwillen und Mißbeha-gen erregen. In Florenz bildet man jetzt alle Theile des menschlichen Körpers ingefärbtem Wachs, zum Behufs des Studiums der Anatomie. Es sind einige unddreißig Zimmer im Schlosse mit diesen Wachspräparaten ungefüllt, auch Pflanzensieht man da in Wachs mit tauschender Wahrheit nachgeahmt. Den ersten Ge-danken, Wachsfiguren dieser Art zu verfertigen, hatte gegen das Ende des 17.Jahrh. der Spitalarzt de Nones zu Genua. Er war eben im Begriff, einen Leich-nam durch Balsamirung aufzubewahren; da er aber die Fäulniß nicht ganz verhin-dern konnte, so gerieth er auf den Einfall, den Körper so natürlich als möglich inWachs bossiren zu lassen. Der Abbate Zumbo, ein Sicilianer, der zwar nicht«von der Anatomie verstand, aber sehr gut in Wachs bossirte, machte, unter Nones'SAufsicht, zuerst den Kopf des Leichnams in gefärbtem Wachs so täuschend nach,daß Alle, die ihn sahen, ihn für den abgrschnittenen Kopf hielten. Zumbo hatte ins