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Wenn die Erzählung oder Vor-stellung einer Handlung in völligerWahrscheinlichkeit erscheinen soll, somuß man die Veranlassung, die Cha-raktere der Personen, das Interessejeder derselben, und überhaupt alles,was als würkcude Ursache dabei)schn kann, genau kennen. Der epi-sche Dichter kann uns gar leicht undsch-klich von allen diesen Dingen un-terrichten, aber dem dramatischenwird dieses oft sehr schwer. Daherentstehen die wichtigsten Fehler gegendie Wahrscheinlichkeit. Es ist höchstanstößig, wenn Personen, die in wich-tigen Angelegenheiten handeln, Re-den in den Mund gelegt werden, diedlos für den Zuschauer dienen. Dennsie führen den offenbarcsten Wider-spruch mit sich; wir sollen einen Men-schen für den Orestes, oder Aga-memnon halten, und seine Redenverrathen einen Schauspieler! Manlasse lieber den Zuschauer in einigemZweifel über die Gründe und Ursa-chen depen, was er sieht oder Hort»als daß man auf eine so schr unschik-liche Weise die Zweifel hebt- Manmuß sich durch die Sorge, wahr-scheinlich zu seyn, nicht zu der größ-ten Unwahrscheinlichkcit verleiten las-sen. Der Dichter muß dem Zu-schauer zutrauen, daß er verschiede-nes von selbst einsehen und bcgrci.feu werde. Verschiedene dramati-sche Dichter beweisen darin eine soübertriebene Sorgfalt, daß sie garoft, wenn eine neue Scene bevor-steht, auf die unnatürlichste Weiseuns durch die handelnden Personensagen lassen, wer der sey, der nunerscheinen wird.
4. Mangel an Erfahrung undKenntniß der Welt, ist auch eineder Quellen des Unwahrscheinlichen.Eine blos philosophische, oder psy-chologische Kenntniß des Menschen istnicht hinreichend, Personen von aller-lei) Stand und Lebensart nach ihrerbesondern Art zu denken und zu han-
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dein, natürlich zu schildern. KeineTheorie ist dazu hinreichend. Nurdurch langen Umgang mit solchenMenschen gelanget man dazu. JederStand, jedes Land, jedes Zeital-ter hat seine eigene Begriffe, Vorur-theile, Maximen und Handlungsart;wer sie nicht genau kennt, muß noth-wendig in manchem Stük unwahr-scheinlich werden.
Ueber das Wahrscheinliche im Dra-ma setze ich noch diese allgemeine An-merkung hinzu.
Man muß bcy der dramatischenHandlung zwey Arten von Wahr-scheinlichkeit wol unterscheiden; mankonnte sie mit dem Namen der phy-sischen und metaphysischen bezeich-nen. Zil jener gehören die Einheitder Zeit, des Orts, die Dauer derHandlung und dergleichen zufalligeDinge; zur andern die Handlungen,Entschließungen, Reden, Charak-tere u. s. f.
Die Erfahrung lehret, daß dixVerletzung der physischen Wahr-scheinlichkeit weniger anstoßig ist, alsein Fehler gegen die metaphysische.Daß eine Handlung, wozu nach demgewöhnlichen Lauf der Dinge 24Stunden crfodert werden, in drcyStunden vorgestellt wird, beleidigetso nicht, als wenn ein Mensch ge-gen seinen Charakter handelt, oderetwas sagt, das er natürlicher Weisein den Umstanden, worin er sich be-findet, nicht sagen konnte.
Die Ursache hievon scheinet diesezu seyn, daß wir uns leicht eine Weltvorstellen können, wo alles geschwin-der gcschiehct, als in der gegenwär-tigen; da wir im Gcgcnthcil unskeinen Menschen vorstellen konneil,der sich entschließt, oder der han-delt, ehe der Beweggrund dazu vor-handen ist.
Diese zwey Arten der Wahrschein-lichkeit gründen sich auf die zwei)Arten der Wahrheit, die zufälligeund die norhwenSige. Das Un-Zj z wahr-