Druckschrift 
4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
723
Einzelbild herunterladen
 

W a h

man sich bedienet, etwas anderes aus-denken, als wir haben ausdeutenwollen. Darum ist es nothwcndig,daß der Künstler, nachdem er seinWerk entworfen hat, es hernach mitkalter Uebcrlegnng betrachte, um zucntdeken, ob kein zur Faßlichkeit oderGlaubwürdigkeit nöthiger Umstandübergangen worden, und ob er jedeseinzcle würkiich so ausgedrükt habe,wie er es gedacht hat.

Man sollte denken, daß kein verstän-diger Mensch, und ein Künstler mußdoch nothwendig ein solcher seyn, et-was vortragen, oder schildern werde,das er selbst nicht begreift, oder dasso, wie er es vortragt, nicht begreif-lich ist. Es scheinet demnach ganzunnothig zu seyn, dem Künstlerweitläustig von der Beobachtungdes Wahrscheinlichen zu sagen, dasso leicht zu bcurtheilen ist. Daes aber auch dem verständigstenKünstler aus mehr als einer Ur-sache begegnen kann, daß er un-wahrscheinliche Dinge vorträgt, soscheinet es uns wichtig genug, daßwir vier Hauptquellen dieses Fehlersanzeigen.

i. In der Hitze der Arbeit versäu-met man gar oft, gewisse Dinge zubemerken, wodurch eine Sache un-möglich, oder unwahrscheinlich wird,und man glaubt etwas zu begreifen,das andere nicht annehmen können;weil ihnen Zweifel dagegen entstehen,die der Künstler in der Hitze der Ein-bildungskrast übersehen hat. Wirfinden beym Plautus gar oft, daßSklaven ihre Herren auf eine völligunwahrscheinliche Art betrügen; undes ist uns unmöglich, die Aufführungdieser Leute zu begreifen. Denn daes ihnen nothwendig das Leben ko-sten müßte, wenn der Betrug an denTag käme, dabcy aber nicht die ge-ringste Wahrscheinlichkeit, oder Ver-mnthung vorhanden ist, daß er ver-borgen bleiben könne, so laßt sich

Wah 72z

auch nicht gedenken, daß diese Leutesich so unbesonnen der augenscheinli-chen Gefahr gehenkt oder gckreuzigetzu werden, blos stellen sollten, wiedoch wirklich geschieht. Der Dich-ter hatte schon einen außerordentli-chen Fall, wodurch der Betrug ver-borgen bleiben sollte, sich vorgestellt;und die ganze Jntrigue kam ihm socomisch und sosehr unterhaltend vor,daß er versäumt hat, die Ueberle-gung zu machen, daß der Sklaveganz unnatürliche und unglaublicheDinge thue. Kein Mensch wird sounsinnig seyn, einen andern, dessenGewalt man unterworfen ist, aufdas ärgste zu beleidigen, in Hoffnung,daß ein Werrerstrahl ihn tobten werde,ehe er Zeit habe, die Beleidigung zurächen. Und doch handeln die Skla-ven in den Comödicn des Plautusnicht selten so; und dadurch wird dieganze Vcrwiklung oft völlig unwahr.Eben so unwahrscheinlich ist es, daßjemand sich in eine gefahrliche Unrer-nehminrg einlasse, der nur ein plötz-licher, höchst ungewöhnlicher Zufalleinen guten Ausgang geben könnte.Darum merkt Dauoignac wol an,daß ein plötzlicher Tod durch einenSchlagstuß, oder Wetterstrahl, somöglich auch der Fall ist, ein schlech-tes Mittel wäre, die VerwUluug desDrama aufzulösen. Aber in der Hitzeder Arbeit denkt der Dichter nicht alle-mal an diese Bcdcnklichkeilcn. Ebenso ist es gar nicht ungewöhnlich,daß Mahler solche Fehler gegen diePerspectiv begehen, dadurch ihreVorstellung völlig unmöglich wird.Sie haben in der Hitze der Arbeitvergessen, die Wahrheit der Zeich-nung in Rükficht auf die Perspectivzu untersuchen. Deswegen -st kaltesPrüfen eines entworfenen Planes einenokhwcndige Sache.

2. Oft verwechselt man die Zei-chen, wodurch man seine Gedankenausdrükt, glaubt etwas auezudrü-kcn, das man würklich sehr klar undZz 2 bestimmt