V o r
de klagende ToncZ und Fortschreitun-gcn hören lassen, und in einem fröh-lichen Allegro mir jedem Ton Freudeverkündigen.. Welchen Zuhörer vonGefühl wird ein solcher Vortrag einesailövrukvollen Stüks nicht unwider-stehlich mit stch fortreißen? Ein sol.cher Vortrag ist es, der auch oftmittelmäßigen Stufen Kraft undAusdruk gicbt. Aber er ist auchhöchst selten. Die Sucht, blos zugefallen, wovon unsre heutigen Vir-tuosen so sehr angcstekt sind, laßt ihreSeele kalt bey jedem Vortrage; undwerden sie würklich in Empfindunggesetzt, so treiben sie Galanterie mitihren Empfindungen. Die rührend-sten und nachdrüklichsten Stüke neh-men in ihrem Vortrag einen un-männlichen, tändelnden und manier-lichen Schwung. Der feine Ge-schmak, sagen sie, verlange, daß dasOhr geschmeichelt werde; dieses könnenicht anders, als durch mancherleyncucrsonneuc, artige und gefalligeWendungen des Gesanges, und>durchgewisse angenommene Favorit- oderModepassagen erhalten werden; alswenn das Ohr nicht geschmeicheltwürde, wenn das Herz gerührt wird.Es ist daher kein Wunder, daß esder heutigen Musik so sehr an Kraft,Nachdruk und Mannichfaltigkeit desAusdruks gebricht, und daß sie deraltern Musik in dieser Absicht umvieles nachstehen muß, ob sie dieselbegleich in dem sogenannten feinen Ge-schmak übertreffen mag. Dies sindjuvcrlaßig die Früchte der Vernach-laßignng der Ouvertüren, Partienund Suiten, die mit Tanzstükcn vonverschiedenem Charakter und Ausdrukangefüllet waren, wodurch die Spie-ler in allen Arten des Vortrags unddes Ausdruks geübt, und festgesetztwurden. Denn nichts ist würksa-mcr, den Vortrag des Spielers indem Wesentlichsten, was zum Aus-druk erfodert wird, vollkommen zubilden, als die fleißige Ucbunz m al-
Vor ?ii
len Arten der Tanzstükc *). Es ver-steht sich, daß hier von dem richtigencharakteristischen Vortrag derselbendie Rede ist; denn si» wie man heutzu Tage, hin und wieder auch vongroßen Capellen, eine Ouvertüre,oder die Tanzstükc eines Kallers vor-tragen Hort, erkennt man die Prachtder Ouvertüre nicht, die daraus ent-steht, daß der erste Satz derselbe»aufs schwerste vorgetragen, und diekurzen Noten, die darin vorkommen,aufs schärfste gerissen und abgestoßenwerden, statt daß man sie heute derBequemlichkeit oder des feinen Ge»schmaks wegen, vermuthlich auch ausUnwissenheit, zusammenzieht, undschleift; noch unterscheidet man inden Balletcn weder die Passcpied vonder Menuet, noch die Mcnuct vonder Chaconnc, noch die Chaconnevon dcrPassecaille. Wer seinen Vor-trag so bilden will, daß er jedenAusdruk annehme, lasse sich von ei-nem hierin erfahrnen Lehrmeister,oder auch allenfalls gcschiktcnTanz-mcister, in dem richtigen Vortrag al-ler Arten Tanzstükc unterrichten DieTanzstükc enthalten das mehreste,wo nicht alles, was unsere gutenund schlechten Stüke aller Arten insich enthalten : sie unterscheiden sichvon jenen blos darin, daß sie ausvielen zusammengesetzte Tanzstükcsind, die in ein wol oder übel zusam-menhängendes Ganze gebracht wor-den, Man sage nicht, daß die Tanz-stüke keinen Gcschmak haben; sie ha-ben mehr als das, sie haben Charak-ter und Aushruk. Hat der angehendeKünstler erst inne, was dazu gehärt,seinem Vortrag Deutlichkeit undAusdruk zu geben, dann wich einrichtiges Gefühl und die Anhörungguter Musiken, von gcschiktcn Män-nern vorgetragen, bald seinen Ge-schmak bilden. Was den feinen Ge-schmak betrifft, in sofern er blos dieIi) 4 Kitze-
S. TanzffSke.