Druckschrift 
4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
710
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Vor

Abänderungen des Starkern undSchwächcrn in den Thcilen einesStüks. Oft verlangt der Ausdrukschon bey einer einzigen Note einesolche Abänderung. Ein geschiktcrSänger oder Violinist preßt uns oftdurch einen einzigen ausgchaltenenTon, blos durch das allmahligeZu-und Abnehmen seiner Starke undSchwache, Thrancn ans den Augen:wie vielmehr müssen wir nicht hinge-rissen werden, wenn er jeder Periode,jedem Satz und jeder Note desselben,durch die richtigsten Schattirnngcndes Piano und Forte, sein eigenesLicht oder Schatten giebt, wodurchWahrheit und Leben auf alles ver-breitet wird, jeder Theil des Etükssich von den übrigen unterscheidet,und alle'zur Erhöhung des Ansdruksim Ganzen beytragen? Dann glau-ben wir eine überirrdische Sprache zuhören, und verlieren uns ganz inEntzüken. Diese AuStheilung desLichts und Schattens im Vortrag istnur das Werk solcher Virtuosen, diedie musikalische Sprache und denAusdruk des Vortrags völlig in ih-rer Gewalt haben: denn hier ist esNicht genug, Starke und Schwächeabzuändern, sondern sie muß durch-gängig an Ort und Stelle, und alle-zeit in dem rechten Grade abgeändertwerden. Die Regel, die der Mahlerbey Austheilung seines Lichts undSchattens beobachtet, muß auch hierdie Regel des Virtuosen styn. DieHanptnoten. die Hauptphrasen, dieHauptperiodcn, muß er im Lichte stel-len, das ist, er muß sie mit vorzüglicherStärke hören lassen; allein übrigenhingegen, nachdem es mehr oder we-niger einem Haupttheile nahe kömmt,muß er mehr oder weniger Schat-ten geben, nämlich in verschiedenerSchwache vortragen. Bestimmteresläßt sich hierüber nichts sagen. Werseinen Vortrag in Absicht auf diesenTheil des Ansdruks bilden will, mußhören, fühlen und lernen.

Vor

Da die Stärke und Schwache soviel zu dem Ausdruk im Vortragebeytragen, so ist leicht zu erachten,daß die Instrumente, auf denen garkeine, oder doch nur geringe Abän-derungen des Starken und Schwa-chen gemacht werden können, zumausdrnksvollen Vortrag sehr unvoll-kommen sind. In dieser Absicht istdas in allen andern Absichten so voll-kommene Clavicembal eines der un-vollkommensten Instrumente.

Dieses und alles übrige, wodurchder Künstler, wenn er die übrigenFertigkeiten besitzt, seinem VortragAusdruk giebt, faßt die einzige Re-gel in sich: er muß sich in den Affektdes Stüks setzen. Nur alsdann,wenn er den Charakter des Stükswol begriffen, und seine ganze Seelevon demAiisdnlk desselben durchdrun-gen fühlt, wird er von diesen Mit-teln zu seinem Endzwek, und tausendandern Subtilitäten, wodurch derAusdruk oft noch über die Erwar-tung des Tonsetzers erhöhet wird,und die unmöglich zu beschreiben sind,Gebrauch machen; sie werden sichihm wahrend dem Spielen cdcrSin-gcnj von sich selbst darbieten. Erwird die Noten so ansehen, wie dergerührte Redner die Worte; nicht insofern sie Zeichen von den Tönensind, die er hörbar machen soll, son-dern in sofern eine Anzahl derselbenihm ein Bild von diesem oder jenemAusdruk darstellet, dcwcr fühlt, undden er seinen Zuhörern eben so em-pfindbar machen will, als er es ihmselbst ist. Er wird einige Töne schlei-fen, andere abstoßen; einige beben,andere fest anhalten; bald den Tonsinken lassen, bald ihn verstärken.Er wird fühlen, wo er eine Noteüber ihre Lange halten, andere vorderselben absetzen soll; er wird sogar,wo es zur Verstärkung des Ansdruksdient, eilen oder schleopen ; sein In-strument oder seine Kehle wird in ei-nem traurigen VäsAro lauter rühren-