Druckschrift 
4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
695
Einzelbild herunterladen
 

V o r

sten Stimme sehr unangenehm spre-chen. Auch ist das Schleppen, oderzu lange Ziehen der wolklingcndstcnSelbsilauter, um so viel mehr derweniger wolkiiiigcndcn, zu vermeiden.Man höret bisweilen die Wörter:Uno, GrunS u. d. gl. so ausspre-chen, daß das U darin lang und ge-schleppt wird, wie in dem WorteHuhn. Auch das Verdrehen dcrVo-calen, als ob sie Doppellautcr vor-stellten, ist einer der größten Fehlergegen den Wolklang der Aussprache.Man höret bisweilen Hano ausspre-chen, als ob es wie Ha-and geschrie-ben wäre.

Ferner gehört zur guten Ausspra-che ein angemessener Grad derFlüch-tigkeit, oder Schnelligkeit, und einigeMannichfaltigkeit der Accente, wo-durch die zu einem Worte gehörigenEylben ihren Zusammenhang bekom-men, daß sie als ein Wort und nichtals einzele Eylben vernommen wer-ben. Alle Annehmlichkeit der Redefallt weg, wenn die Shlben und Worteglcichtölicnd, oder monotonisch sind,und wenn nicht eine gefallige Ab-wechslung des Hohen und Tiefen,desNachdrüklichen und Leichten, desLangen und Kurzen in der Folge derEylben und der Worte beobachtetwird. Aber diese Abwechslung mußflüchtig und leicht bewerkstelligetwerden. Der schönste Vers verlieret,durch langsames Scandiren, allesAngenehme des Klanges.

Eben dieses ist auch von den cinze-len Redcsatzen, woraus die Periodenbestehen, zu merken. Daß einigeSatze leichter und schneller, Mdereetwas schwerer und langsamer, ei-nige mit steigender, andere mit fal-lender Stimme, einige mit kaummerklichen, andre mit mehr fühlba-ren. Clauseln, oder Abfallen ausge-sprochen werden, giebt der Rede eineArt von Melodie, wodurch sie seheangenehm werden kann. Bey derUnmöglichkeit, alles, was hiezu er-

Voe 695

federt wird, durch deutliche Bey-spiele zu zeigen, können wir nichtsweiter rhun, als dem künftigen Red«ncr eine tagliche Uebung der wolklin-genden Declamation zu empfehlen^.Er nehme zu solchen Uebungen ei-nige von guten Rednern geschriebenewolklingende Perioden vor sich, ver-suche jede davon auf mehr als einer-lei) Art herzusagen, und bemerke beyjeder Veränderung die Verschieden-heit der Würkung auf den Wolklang.Noch besser wäre es, wenn er.dieseverschiedentlich abgeänderte. Decla-mation einer Periode durch anderevornehmen ließe, und durch auf-merksames Anhören den Gral» desWolklanges bey jeder Wiederholungzu empfinden suchte.

z. Die dritte Eigenschaft der voll-kommenen Declamation ist der guteAusdruk, oder die Ucbcreinstimmunzdes Klanges der Rede mit ihrem In-halt. Die Musik beweiset, daß jedeLeidenschaft und jede besondere, so-wol ruhige als unruhige Lage des Ge«müthcs durch Ton und Bewegungkönne geschildert werden ; und manhöret auch täglich, daß in dem Tonder gemeinen Rede in gar viel Fällenmehr Kraft liegt, als in dem Sinnder Worte. Man stelle sich vor, daßfolgende Worte in dem wahren Tonder tiefsten Wehmuth ausgesprochenworden:

Wehe'. Wehe!

Nicht Ketten, Bande nicht, ich seh'e

Gespitzte Keile!

So wird man begreifen, daß des,der den Sinn der Worte nicht ver-stünde, dennoch durch den bloßenSchall weit schmerzhafter würde ge-rührt werden, als der, der ohne Tonden Sinn der Worte vernähme, DieWorte, Xvche! Lvchel bedeutennichts, als daß sie uns schlechtweganzeigen, der Mensch, der sie spricht,leide; aber der Ton macht, daß wirsein Leiden würklich empfinden. .

X x 4 Der