Druckschrift 
4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
641
Einzelbild herunterladen
 

Ver

fchung der Verbindung eines Theilsmit dem andern kann er ahnliche Fra-gen auswerfen: wie folgest du aufdas Vorhergehende? wie hängst dumit dem Folgenden zusammen? Wirdder, für den das Werk gemacht ist,ohne Anstoß und Zwang diese Vor«stellung nach der vorhergehenden an-nehmen, und völlig fassen? u, f. w.Braucht der Künstler diese Vorsicht,so wird er auch cntdeken, ob dieVerbindungen überall nach dem Cha-rakter des Werks richtig seycn, odernicht. ^

Wie überhaupt in der Natur allesgenau zusammenhangt, so hat auchdas menschliche Gemüth einen natür-lichen Hang, in seinen Vorstellungendurch Stufen, nicht durch Sprüngevon dem einen zum andern zu kom-men. Wir lieben nach merklicherHitze nicht plötzliche, sondern allmäh-lige Abkühlung. Findet der Künst-ler es seiner Absicht gemäß, sehrentfernte, oder gar entgegengesetzte' Dinge nahe an einander zu bringen,so muß er auch besorgt seyn, solcheDinge dazwischen zu setzen, die denschnellen Uebergang erleichtern. Unddarin zeiget sich nieisientheils der Un-terschied zwischen dem Künstler vonwahrem Genie, und dem, der ohnedasselbe nach Kunstregcln arbeitet-Am deutlichsten sieht man dieses inder Musik, wo große Harmsuistenauf eine gar nichts Hartes habendeWeise schnell m sehr entfernte Tönegehen können, wobey andere alle-mal hart, und dem Gehör anstös-sig werden.

Verdünnung; Verjün-gung.

(Baukunst.)

Es ist eine von alten und neuen Bau-meistern angenommene Regel, daßdie Säulen nicht durchaus gleichdike,sondern gegen das obere Ende zu

Vierter Theil.

Ver 641

etwas, verdünnet seyn sollen. ^ DerUrsprung dieser Regel ist in der älte-sten Bauart zu suchen, da man dieSäulen von unbearbeiteten Stäm-men der Bäume aemackt hat, dieallemal in der Hobe etwas dünnersind, als an dem Boden. Da manaber bemerkt hat, daß die Verdün-nung der Säule etwas Annehmlich-keit giebr, hat man sie zur Regel ge-macht. Diese Vcrmuthung von demUrsprung der Verdünnung wird nochdadurch bestätiget, daß man sie nichtbis auf die Wandpfeiler erstrckt hat.Diese wurden aus bearbeitetenBaumstämmen gemacht, die vier-kantig gezimmert und dadurch über-all gleichdik wurden.

Es ist vielleicht kein andrer Grund,als dieser ungefähr, davon anzuge-ben, daß die Pfeiler nicht verdünnetwerden. Denn in dem Gefühl derSchönheit kann dieser Unterschiedschwerlich gegründet seyn, da er viel-mehr eine widrige Würkung hervor-bringt. Wer ein mit einer Säulen-laube versehenes Gebäude geradevon vorne ansieht, dem muß derUebelstand, der daher entsteht, indie Augen fallen, da die Stammeder den Säulen entgegenstehendenPilaster oben über die Saulcnstäm-me heraustreten.

In der Art der Verdünnung kom-men die Baumeister gar nicht miteinander übercin. Einige dorischeSäulen aus der ältesten Zeit undverschiedene ägyptische von Granit,sind gleich vom Fuß an verdünnet,und kegelförmig: die meisten Bau-meister aber machen die Säule bisauf den dritten Theil ihrer Höhegleichdik; einige Neuere haben ihneneine doppelte Verdünnung, oderBauchung gegeben, wodurch sie aufdem dritten Theil der Höhe am dik-sien werden, von da aber, sowolnach oben, als nach unten zn, sichverdünnen.S 6 Vitra-