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4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
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Figur nach unendlich viel verschiede-nen Umrissen gezeichnet werden.

Bei) jeder Zeichnung des Umrissesist auf zwei) wesentliche Punkte zusehen, aufRichtigkeit undaufSchöu-hcit. Die Richtigkeit des Umrissesentsteht aus Beobachtung der wahrenVerhältnisse, und der wahren Wen-dung einzcler Theile. Nämlich, derganze Umriß besieht aus unzähligenkrummen, aus - und eingebogenen,mehr ober weniger gekrümmten undimmer in einander fließenden Linien.Die Erhöhungen und Vertiefungendieser Linien entstehen aus den unterder Haut liegenden Muskeln undKnochen. Jene sind nicht nur injedem einzelcn Korper, sondern beyjeder Stellung und Bewegung, sowolin Verhältnis;, als in Form anders.Es giebt aber auch allgemeine Ver-hältnisse und Formen, die ganzen Gat-tungen eigen sind. Menschen vongewisser Lebensart zeigen Umrisse, dieihrer Gattung eigen sind. Ein Kam-pfer, der sich täglich in gewaltsamenBewegungen übet, bekommt an al-len Theilen andere Umrisse, als einweichlicher und meist stillsitzenderMensch. Dergleichen Veränderun-gen entstehen auch durch dasTempe-rament und das Alter. Man erstau-net bey einigem Nachdenken über dieSchwierigkeiten, in jedem Falle dieRichtigkeit der Umrisse zu treffen.

Ohne sehr gute Kenntniß der Ana-tomie, ohne ausgebreitete Beobach-tung der Bewegungen an nakendenKörpern von allerlei) Alter und Tem-perament, ist es unmöglich, einigeFertigkeit in Zeichnung der Umrissezu erhalten. Und doch wird dieausgcbrcitctste Kenntniß hierin fürtausend Fälle noch nicht hinreichen,wenn man nicht die Natur selbst vorAugen hat. Es ist nötlstg, dieSchwierigkeit der Sache ins Lichtzu setzen, damit besonders jungeKünstler die dringende Nochwcadig.keit des Studiums und der Ucbung

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in ihrer Kraft empfinden. Einemguten Zeichner des Nakenden mük'endie: Muskeln des menschlichen Kor-pers so bekannt seyn, als die Buch-staben des Alphabets dem, der Wor.ter zu schreiben hat.

Das allgemeine Kleid, oder dieHaut, die den Korper bcdekt, giebteigentlich der menschlichen Figur dieSchönheit, in sofern sie von oeeRichtigkeitdcr Verhältnisse unabhän-gend ist. Sie mildert alles Harteund Steife, bringt alle Linien desUmrisses zur Einheit der Form, undgiebt ihm die liebliche Harmonie, unddas sanfte Wesen, wodurch diemenschliche Gestalt, auch blos in Ab-sicht auf den Umriß allein, die höch-ste Schönheit der Form erhalt.

Die Einheit der Linie des ganzenUmrisses scheinet die erste nothwendigeEigenschaft der Schönheit des Um-risses zu seyn. Eine einzige unab-gebrocheue Linie muß die ganze Fi-gur umschließen. In dieser Liniemuß nichts gerades seyn; alles mußsich wellenförmig bald mehr, baldweniger runden; aber mit so sanf-ten Abwechslungen, daß man vomansgebogencn auf das eingebogene,von dem mchrgekrümmten auf daFgerade laufende, durch unmerklicheStufen kommt, so daß das Augeum den ganzen Umriß sanft fortglit-schen könne.

Einer der wichtigsten Punkte derSchönheit liegt in der abwechselndenStarke und Schwache, in der Kühn-heit, womit einige, und der beschei-denen Vorsichtigkeit, womit andereTheile gleichsam ausgesprochen wer-den. Im Umriß kann nicht einerlei»Ton herrschen, wenn es ihm nichtganz an Kraft fehlen soll. Wer denvortrefflichsten Umriß, wie ihn Ra-phael gemacht hätte, mit einer dün-nen, überall gleichen Linie nachzeich-nen würde, benahme ihm dadurchfast alle Kraft; er würde nur denSchatten eines schönen Umrisses,

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