Druckschrift 
4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
564
Einzelbild herunterladen
 

564 Tra

sich nicht sehr entwikeln können, und

weil es überhaupt angenehmer ist,einen intercssaiiren Gegenstand so lan-ge zu verfolgen, daß man einiger-maaßen gesätriget wird. Die Dauerder Handlung, nämlich des bloßenZuschauens derselben, muß wenig-stens eine Stunde einnehmen, weilsie sonst die Begierde mehr reizen,als befriedigen würde.

Auf der andern Seite aber mnß sieauch nicht von einer ermüdenden Lan-ge scyn. Das beste Schauspiel, dasunsre Aufmerksamkeit in bestandigerSpannung halt, und das mnß dasTrauerspiel thun, dürfte nicht überdrer Stunden wabren, so wurde esunsgewiß ermüden; auch die Schau-spieler könnten cs schwerlich mit demnöthigcn Feuer langer aushalten.

Aus diesen Schranken, die wir ausguten Gründen der Dauer dcsScbau-spicls setzen, laße steh nun die Größeder Handlung abnehmen. Wennalles natürlich und ungezwungenseyn soll, welches in allen Werken derKunst eine Hauptcigensehaft ist, sokann die Handlung keine größere Aus-dehnung in der Zeit haben, als ohneZivang in der Dauer des Spiels vor-gestellt werden kann. Allein eineHandlung von irgend einer Wichtig»kcit ist selten so kurz. Man nimmtcs deswegen auch nicht so sehr genau,und setzt zum voraus, daß der Zu-schauer, der mit dem beschäftiget ist,was er vor sich sieht, dem, was aus-ser der Sccne geschieht, die Zeit ebennicht genau vorrechne. Man findetsich eben nicht sehr beleidiget, daß einePerson, die etliche Minuten laug vondcrScene weggewesen, und nun wie-der kommt, inzwischen etwas verrich-tet habe, wozu eine dre» oder viermallängere Zeit, alsihre Abwesenheit ge-dauert hat, erfodert wird. Daherkommt es, daß oftHan'olungen vor-gestellt werden, die naiürlichcr Weifteinen ganzenTag wegnehmen müßten.Die Älren sind aber in diesem Stük

T ra

genauer gewesen, als wir sind. Vielevon ihren Trauerspielen sind so, daßdie ganze Handlung auch in der Na-tur wahrend der Zeit der Vorstellunghätte geschehen können , wiewol siedoch auch nicht ohne alle Uebcrschrei-tung des Maaßcs sind. Daß sichdie Neuern hierin mehr Freyheir er-laubthaben, mag meistentheils daherkommen, daß sie sich nicht getrauen,ohne viel Verwiklnng und Manuich-faltigkeitdcr Zufalle unterhaltend ge-nug zu scyn. Diese trauten sich dieGriechen zu, und konnten es auch.Es gicbt dey ihnen Trauerspiele, diehöchst einfach, und doch höchst unter-haltend sind, wo die Handlung durchviele Sccnen sehr wenig fortrukt, derZuschauer aber in bestandig lebhafterÄZürkfamkcit ist.

Daß Ghakespear, der größte tra-gische Dichter unter den Neuern, so-wol diese, als manche andre Regelübertreten, und doch gewußt hat, zugefallen, beweist nichts dagegen.Wenn er zu dem großen Verdienst,das er wnrklich hat, noch die Beob-achtung der Regeln auch hinzngethanhatte, so wäre er noch größer. mndwürde noch mehr gefallen. Ein go-thisches Gebäude kann einige sehrgute Parthicn haben, deswegen ist esdocy cm Werk, das im Ganzen ohneGeschmak ist. Viele Gemählde vonRembrans sind in einigen Stükeitbewundernswürdig, sonst aber je-dem Menschen von Geschmak unans-stchlich. Indessen wollen wir garnicht behaupten, daß nur das Trauer-spiel gut sey, das nach den Regelnder Alten behandelt wird: aber dieseBehandlung halten wir überhauptfür die beste. So viel von der Be-schaffenheit der Handlung.

Der zweyte wesentliche Punkt,worauf es beyM Trauerspiel an-kommt, betrifft nach dem Aristotelesdie Sitten; und darunter scheint eralles zu begreifen,-was zum Ebai ak-ter, derDeiikungsart, und denO-"el-