Druckschrift 
4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
414
Einzelbild herunterladen
 

414

S i n

S i t

ist niestnnlicher, als wenn man da-bei) vergißt, daß man einen gewähl-ten Gegenstand sieht, und die Naturselbst zu sehen glaubt; wenn man imPortrait an dem Bilde Leben undAthem zu er st»den glaubt; wennman in ep l und dramarischenReden den Du,ter so völlig vergißt,daß man diePcrsonen selbst zuhörenglaubt.

Sitten.

(Schöne Künste,)Die Bedeutung des Worts ist etwasunbestimmt. Bisweilen begreift manunter dieser Benennung gar alles,was zum Charakter, der Gcmürhs-art und Handlungsweise cinesMcn-schen, oder ganzer Völker gehöret, insofern sie sich von andern unterschei-den. In diesem Sinne scheinen Ari-stoteles in seiner Poetik, und Wolfin seiner allgemeinen praktischen Phi-losophie die Wörter genommen zuhaben, für die wir das Wort Sittengebrauchen. Bisweilen aber scheintman dadurch blos dasjenige zu ver-gehen, was dem Menschen in seinemThun und Lassen zufalliger Weise zurGewohnheit worden, in sofern esvon dem, was andere in ahnlichenFallen äußern, verschieden ist, so daßMenschen, die im Grund cinerlcyCharakter haben, denselben durchverschiedene Sitten zeigen.

Wir verstehen hier durch Sittengar alles zusammengenommen, wasdem Menschen in Absicht auf seinThun und Lassen gewöhnlich worden.Die Sitten beziehen sich nicht auf dendenkenden, sondern auf den handeln-den Menschen. Richtigkeit oder Un-richtigkeit, Gründlichkeit, Scharf-sinn u. d. gl. bezeichnen den Charak-ter des Menschen in sofern er denkt,und dieses rechnet man nicht zu den

S. t'bllos. pi'. unft-erttl. 1°. II,Ll>.p. Ne cvnssKsr.äis 'ivmmum mo-

Sitten. Hingegen alles, was erthut, in sofern es gut oder bös,schiklich oder unschiklich, rühmlichoder verwerflich ist, wird sittlich ge-iicimt. Also wird man durch dieSitten zum guten, oder schlechten,zum angenehmen, oder unangeneh-men Menschen.

Für den sittlichen Menschen arbei-ten die, schönen Künste, da die Wis-senschaften für den denkenden Men-schen arbeiten. Diese haben den Un»tcrricht, jene die Bildung der Sit-ten zum Zwck. Darum ist eine leb-hafte Schilderung der Sitten einevorzüglich und unmittelbar nützlicheArbeit des Künstlers. Von allenWerken der Kunst aber schiken sichdie Epopöe und das Drama vorzüg-lich zu solchen Schilderungen; weilsie nicht blos einzelc Züge des sittli-chen Charakters, sondern den ganzenCharakter selbst schildern könusn.Von dieser Schilderung ist hier eigent-lich die Rede. Wir haben aber sehrviel von dem, was hieher gehöret,bereits in dem Artikel Charakternaher betrachtet.

Jeder Dichter, der sich an dieEpopöe, oder an das Drama waget,muß vornehmlich eine große Kenntuißder Sitten haben; weil die Schilde-rung derselben in diesen Dichrungs-arten den Hauplstoff ausmacht.Dieses muß man allemal bey deinDichter als etwas außer der Kunstliegendes voraussetzen. Aber eigent-lich zur Kunst gehört es, die Stttcn,deren Kenntlich man besitzt, zu schil-dern, und sie auf eine gute Art znbehandeln.

Zur Schilderung der Sitten gehö-ren die Handlungen, die man denPersonen zuschreibt, und die Reden,die man ihnen in den Mund legt.Von den Reden haben wir in einembesondern Artikel gesprochen'). DieSchilderung der Handlungen ist eine

der

") S. Reden.