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Odyssee.
(Dichtkunst.)
Vas zweyte epische Gedicht des Ho-mers , von einem ganz andern Cha-rakter, als die Ilias. Diese be-schafftigct sich mit öffentlichen Hand-lungen, mit Charakteren öffentlicherPersonen; die Odyssee geht auf dasPrivatleben, dessen mannichfaltigeWorfalle, und die in demselben noth-wendige Weisheit. Wie die Ilmsalle Affekte öffentlicher Personen schil-dert, so liegen in der Odyssee allehäuslichen und Privataffektc; dasganze Werk sollte moralisch und poli-tisch seyn, Leute von allerley Stän-den zu unterrichten. Ulysses selbstwird in das gemeine Leben herunter,gesetzt. Also ist der ganze Ton derOdyssee um ein merkliches tiefer ge-stimmt, als in der Ilias. Aberwenn man sie durchgelesen hat, so istman von dem Charakter des Ulysseseben so immerwährend durchdrungen,als von dem Charakter des Achilles,nachdem man die Ilias gelesen hat.Es ist sehr offenbar, daß die großeUngleichheit zwischen beydcn Gedich-ten in den verschiedenen Absichtendes Dichters, und nicht m dem Ab-nehmen seines Genies liegt. DieOdyssee sollte ihre eigene Natur, ih-ren eigenen Plan haben. Hier ist in-dessen dieselbe Mannichfalrigkcit derCharaktere, eben die genaue Zeich-nung derselben, nach der Verschieden-heit des Temperaments und der Nei-gung jeder Person. Alle Affekte undalle Grade derselben hat der Poet inseiner Gewalt. Hier ist überall das-selbe Leben und dieselbe Stärke derAusbildung. In den Beschreibun-gen, Bildern und Gleichnissen herrschtdie Erfindungskraft beständig, undin dem Ausdruk leuchtet sie in> demhellesicn Licht hervor. Niemals seh.lct es dem Dichter an Bildern, oderFarben zu seiner Mablerey. Alles,was er hat sagen wollen, hat er ge.
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wüßt in eine einzige genau ver.knüpfte Handlung zusammen zu st.tzen, welche kemcr Unterbrechung un-terworfen ist, und wo die Gemürhs-bcwegungen der Personen zu ihrervollen Höhe erhoben werden.
Der Held dieser Epopöe ist einMann von ganz außerordentlichemCharakter, den uns der Dichter imhöchsten Lichte, bey unzähligen Vor-fällen sich immer gleich, bis auf denklcinesten Zug ausgezeichnet, in einerbcwundrungswürdigen Schilderungdarstellt. Die Fabel scheinet an sichsehr einfach und unbeträchtlich. Ulys-ses will nach vollendetem KriegszuzgegenTroja, wieder nachHause ziehen.Aber er findet auf seiner Fahrt un-zählige und oft unüberwindlich schei-nende Schwierigkeiten, die er alleübersteigt. Er kommt mehrnial inUmstände, wo es unmöglich scheinet,daß er auf seinem Vorhaben beste-hen, oder Mittel finden werde, dieHindernisse zu überwinden. Aber erist immer standhaft, verschlagen, li-stig und erfinderisch genug, sich selbstzu helfen. Man erstaunt über dieMannichfaltigkeit der Vorfälle, dieihm in Weg kommen, wie über dieUnerschöpflichkeit seines Genies, überjeden, bald dnrch Standhaftigkeitund Muth, bald durch Verschlagen-heit und List wegzukommen.
Wahrend der langen und höchstmühsamen Fahrt des Helden, füh-ret uns der Dichter auch in sein solange Zeit von ihm verlassenes Hausein, macht uns mit seiner Familie,und mit allen seinen hauslichen Um-ständen bekannt. Sein Haus undsein Vermögen werden ein Raub ei-ner Schaar junger muthwilligcrMänner, die unter dem Vorgeben,daß er längst umgekommen scy, odergewiß nicht wieder erscheinen werde,seine Gemahlin zu einer zweytenHeyrath zu zwingen, seinen einzi-gen Sohn aus dem Wege zu räu-men, und sich seiner Herrschaft und