Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
173
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neniU, weil schon der Name ihn inder Einbildungskraft des Zuhörerszeichnet, liebt der Dichter ihn aus-zubilden, und mit Farben zu be-kleiden. Der höhere Grad der Sinn-lichkeit verursachet auch, daß derDichter durchaus seinen Charakterbehalt. Er nimmt ihn nicht nur inemzelen Stellen an, sondern auch da,wo er die abstraktesten Wahrheitenvorzutragen hat. Ueberall merktman, daß er die Wahrheit nicht bloserkennet, sondern stark fühlet; undda, wo sie an Empfindung glänzet,überlaßt er sich bisweilen derselben,und mahlet im Vorbcygang leiden-schaftliche Sccncn, die mit seinemInhalt verwandt sind, in dem Tondes epischen Dichters. Man kannüberhaupt sagen, daß das Lehrge-dicht in seinem Ton viel Achnlichkeitmit dem epischen Gedicht habe. Derlehrende Dichter ist von einem Sy-stem von Wahrheiten eben so gerührtund eingenommen, wie es der epi.sche Dichter von einer großen Hand-lung ist. Daher kann auch das,was wir von dem Charakter des epi-schen Gedichts gesagt haben, aufdas Lehrgedicht angewendet werden.Obgleich der lehrende Dichter vonseinem Gegenstand durchdrungen ist:so wird er davon nicht so ganz hin-gerissen, wie der lyrische Dichter.Nur hier und da fallt er ganz in dasLeidenschaftliche, und nimmt wolgar den hohen lyrischen Ton an, vondem er aber bald wieder auf seinenInhaltkommt. In demganzenUm-fange der Dichtkunst ist kaum eineArt der Reizung, wodurch die vor-getragene Wahrheit, einen lebhaftenEindruk macht, die der Dichter nichtin den verschiedenen Theilen des Ge-dichts anbringen könnte. Bald zeich-net er die Wahrheit in lebhaften Ge-mahlden; bald kleidet er sie in rüh-rende Erzählungen ein, bald in pa-thetische Ermahnungen; ihr führet' er uns auf unsre eigene Empfindun-

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gen, um uns von der Wahrheit zuüberzeugen; denn laßt er sie uns inandern Menschen fühlen. Auf somannichfaltige Weise kann er dieWahrheit einleuchtend und würksammachen.

Es scheinet, daß das Lehrgedicht,wie gesagt, zu seinem Inhalt ein gan-zes System vou Wahrheiten erfo-dere; weil man auch einem langenWerk, das eine Menge cinzcler, un-ter sich nicht zusammenhangenderLehren und Sittcnsprüche, wie dieSprüche Salomonis, oder die Leh-ren des Jesus Sirach, in zusammen-hangenden Versen vortrüge, schwer-lich den Namen des Lchrgcdichts ge-ben würde. So bald aber die vor-getragenen Wahrheiten als. einzeleTheilc eines ganzen Systems zusam-menhangen, da kann sinnliche An-ordnung, Verhältnis der'Theile, undjede andere Eigenschaft, wodurch eineRede zumWerk desGcschmaks wird,im Ganzen statt haben. Daher hatdas Lehrgedicht, wie die Epopöe, ih-ren Anfang, ihr Mittel und ihr En-de, weil ohne dieses kein System statthat. Der Dichter übersieht den gan-zen Umfang seiner Materie, und ord-net aus den Theilen derselben einGanzes, das ohne Mühe zu überse-hen ist, und die Vorstellungskraftlebhaft rühret.

Vielleicht aber ist zum Charakterdes Lehrgedichts nicht nothwendig,daß es Wahrheiten, die blos durchrichtige Schlüsse erkannt werden,zum Inhalte habe. Sollten in dieseGattung nicht auch die Gedichte ge-hören, die uns ein wolgcordnctesGemahlde von einem System vor-handener Dinge, die aus Erfahrungund Beobachtung erkannt werden,darstellen, wie Thomsons Gedichtevon den Jahrszeiren, und KleistsFrühling ? Wenigstens scheinen sie zu-nächst an das Lehrgedicht zu granzen.Von diescrArt wäre ein Gedicht, dasuns die Einrichtung und die vornehm-sten