Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
160
Einzelbild herunterladen
 

,6c> leb

braucht nicht immer die Reißfeder inder Hand zu haben; aber sein Augemuß unaufhörlich beobachten, erfor-schen, abmessen, und jede Kleinigkeitgegen das Ganze halten. Zu dieserUebung des Auges findet er die Gele-genheit den ganzen Tag hindurch.Noch schwerer scheinet es, durch dasColorit das würkliche Leben zu errei-chen. Auch dieses hat sein Ideal *),das der Mahler nach der wirklichenNatur abändern muß. Darum kom-men die Portraitmahlcr dem Lebenallemal näher, als die Historien-mahler. Aus dieser Ursache findetman unendlich mehr Lebeil, auch inVandyks Historien, als in Rubensseinen. Aber man würde vergeblichversuchen, die Zauberst, iche des Pen-sels zu beschreiben, wodurch die Hautihre Weichheit, das Fleisch seine duf-tende Warme, das Auge seine Feuch-tigkeit, und selbst seine Gedanken undEmpfindungen bekommt. Vcrmulh-lich würden Titian und Vandyk selbstnur wenig von einer Kunst, die sievorzüglich besessen, gesammelt ha.bcn. Es kommt hier, außer der all-gemeinen Behandlung einer glükli-chcn Anlage und einer guten Wahlder Farben, aufuubeschrciblichc Klei-nigkeiten an. Die kleinesten kaummerklichen Lichter, Bliker und Wic-derschcine, thun fast das meiste zudem Leben. Inden Werken der größ-ten Coloristcn scheinen diese noch leich-ter, als in der Natur selbst zu ent-deken Die Natur ist die Original-sprache , das gemachte Bild eine Uc-bcrsetzung. Man muß hier, wie inwörtlichen Sprachen, die, in welcheman überseht, vollkommener besitzen,als die Grundsprache. MancherMahler cntdcket in dem Colorit derNatur kraftige Kleinigkeiten, em-pfindet ihre Würkung, kann sie abermit seinen Farben nicht erreichen.Da ist es gut, wenn er in den Wer-ken der größtcnMcisterentdekcnkann,Ä. Cvlerit.

Leb

wie es ihnen gelungen ist, das dar-zustellen, was ihm bey Nachahmungder Natur nicht möglich war. Eskommt hier einerseits ansein erstaun-lich scharfes und empfindsames Auge,und denn auf eine, durch tausendVersuche unterrichtete und noch glük-lichc Hand an.

Bisweilen erhält man durch Um-wege, was man geradezu nicht zuerreichen vermag. Manche Stelledes Gcmahldes, die das wahre Lebennoch nicht hat, erhalt es durch dieBearbeitung einer andern Stelle.Dergleichen Beobachtungen ist manoft dem Zufall schuldig. Also mußder Mahler bey der Arbeit des Pen-sels seinen Geist unaufhörlich zurBeobachtung der zufalligen Mün-klingen der Farben, der Lichter undSchatten, des Heilen und Dunkelngegeneinander, gcspannethalten, da-mit ihm nichts davon entgehe. Ar-beitet er in einiger Zerstreuung derGedanken, so gelinget ihm bisweilenetwas, das er hernach mir keinemSuchen wieder nachmachen kann.Harte er aber damals, als es ihm ge-lungen ist, auf alles, was er that,Achtung gegeben, so würde er nundiesen Theil seiner Kunst besitzen,Darum muß der Mahler so gut, alsder Philosoph, seine Stunden haben,wo er sich in ein stilles Cabinet ver-schließt, um die höchste Aufmerksam-keit ans die Bemerkungen zu richten,die ihm die Uebung seiner Kunst ent-deken laßt. Aber auch außer demCabinet, und in der Gesellschaft, mußer überall mit einem forschenden Au-ge den Ton und die Farben des Lc.bens beobachten.

Lebendiger Ausdruk.

(Redende Künste.)

Aer Klang der Rede, in sofern erohne den Sinn der Worte etwas Lei-denschaftliches empfinden laßt, wiedie meisten Ansrufungswörter (Jn-

ter-