Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
131
Einzelbild herunterladen
 

Kür

würde es doch z) unsehiklich fcyn,dieWolfarth und Ruhe des Staatesals eine Wohlthat von ihnen zu em-pfangen, da doch bepdes, ohne sie,durch eine kluge Regierung könne er-halten werden. Diese drey Vorstel-lungen hat Cicero gewiß nicht ohneverweilendes Nachdenken in dieseKürze zusaninicngebracht.Erstlichist es ungewiß; zwcytens fürchte ichdoch, daß es geschehen möchte; undwarum sollte ich endlich zugeben,daß wir unsre Wolsarch mehr eu-rer Gütigkcit, als unfern eigenenklugen Veranstaltungen, zu dankenhaben?" Der lateinische Ausdrukist noch viel kürzer: primum nclclo:cieinlle cimeo: pollremc, nou com-iintr»m, m veltro bcneticio potius,guam noüro conliiio lalvi ells po5-limus *).

Eine solche Kürze ist fürnehmlichda nolhwendig, wo man mehrereVorstellungen, welche zugleich wür-fen sollen, zu thun hat; denn je na-her man sie zusammendränget, destogewisser thun sie ihre Würkung. Siekommt entweder von der Sprachescll'st, oder von dem Verstände desRedenden her. Eine Sprache ver-tragt sie mehr, als eine andre. ImLateinischen und Griechischen verstär-ket der häufige Gebrauch derPartici-pien mehr Kürze, als die meistennencrn Sprachen haben. Da dieSprachen, so lange sie lebend blei-ben, sich immer verändern, so sollte

vr. I. äe I-cZe ^xrsris.

Kür izl

man die glüklichen Neuerungen derbesten Schriftsteller, die der Kürzegünstig sind, sorgfältig bemerken,um sie allmählig in der Sprach^gangbar zu machen. Das meisteist m diesem Stük von den Dichternzu erwarten, weil sie am öfterstenin der Nothwcndigkeit sind, derSprache neue Wendungen zu geben.Dieser Nutzen der Dichtkunst ist al-lein schon wichtig genug, daß mandas äußerste zu ihrer Beförderunganwenden sollte. Es liegt hin-länglich am Tage, daß die deutscheSprache durch die Neuerungen derDichter zur Kürze tüchtiger wordenist, als sie vorher war. Doch willdieses nicht sagen, daß jeder poe-tische Ausdruk seiner Kürze halber,sogleich in die gemeine Rede soll auf-genommen werden.

Aber auch bey der kürzesten Spra-che kommt noch sehr viel auf denVerstand dcsRcdncrs an. Wer nichtgewohnt ist, überall die höchste Voll-kommenheit zu suchen, die nur derVerstand sieht, trifft nicht immer diegrößte Kürze. Sie ist also denSchriftstellern vorzüglich eigen, dieein zu höhcrn Wissenschaften aufge-legtes Genie mit Gcschmak verbin-den. Darum Übertrift Haller, ingebundener und ungebundener Rede,jeden andern Deutschen. Schon indieser Absicht allein ist sein Ufonzein höchst schätzbares Werk, undkann zum Muster des kurzen Aus-druks dienen.

L.