B o r r e d e.
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist derjenige Theil der Ma-thematik, welcher erst in den neucrn Zeiten mehr beachtetund fleißiger bearbeitet und schon so erweitert worden ist,daß er sich auf fast alle Gegenstände des wissenschaftlichenund praktischen Lebens anwenden läßt, und diese Anwendun-gen von so fruchtbaren Folgen und nicht geringen Vorthci-len begleitet sind, daß man sich wundern sollte, diese Anwen-dungen nicht so zahlreich machen zu sehen, als die Wahr-scheinlichkeitsrechnung es doch eigentlich verdiente. Die Schulddavon tragen vornamlich zwei Ursachen, deren erste die ist,daß bei der beabsichtigten Anwendung der Wahrscheinlich-keitsrechnung auf irgend Etwas des öffentlichen Lebens sichSchwierigkeiten finden, die in der Natur der Sache, umdie es sich handelt, liegen und welche, damit die Anwen-dung der Probabilitätsrechnung vollkommen werde, erst völligbeseitigt werden müßten, dieß aber fast stets bloß in größcremoder geringcrem Grade geschehen kann. Man erinnere sichnur z. B. der Schwierigkeiten, auf die man bei Anlegungsehr genauer Stcrblichkeitstafeln, bei vorzunehmenden Wah-len, bei Entscheidung der Stimmenmehrheit, bei zu fällendenGcrichtsurthcilcn, bei Benutzung der Aussagen der Zeugen,u. s. w. stößt. So lange man also noch nicht dahin ge-kommen ist, diese Hindernisse gänzlich aus dem Wege räu-men zu können, so lange wird auch die Anwendung derWahrscheinlichkeitsrechnung nur eine beschrankte und bloßhalbe Erfolge gewahrende bleiben. Dieß wird nun aberviele, die nicht nur Theorie allein betreiben, sondern auch das