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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
227
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 227

geheimer Sekretär zu werden und ihn von Morgen bis Abend an-zusehen, ohne zu lachen."

Ich möchte herzlich gern auch die erwähnten zwei Artikel desRefvrmatenr" hier mitteilen, aber drei Schwierigkeiten halten michdavon ab; erstens würden diese Artikel zu viel Raum einnehmen,zweitens, da sie ans französisch geschrieben, müßte ich sie selber über-setzen, und drittens, obgleich ich schon in zehn Lladinsts ctg Isatursnachgefragt, habe ich nirgends mehr ein Exemplar des bereits ein-gegangenenRefvrmatenr" auftreiben können. Doch der Inhaltdieser Artikel ist mir noch hinlänglich bekannt. Sie enthielten diemalitiöscsten Insinuationen über Abtrünnigkeit und Inkonsequenz,allerlei Anschuldigung von Sinnlichkeit, auch wird darin der Katho-lizismus gegen mich in Schutz genommen u. s. w. Von Ver-teidigung dagegen kann hier nicht die Rede sein; diese Schrift, welcheweder eine Apologie, noch eine Kritik des Verstorbenen sein soll, be-zweckt auch keine Jnstifikation des Überlebenden. Genug, ich binmir der Redlichkeit incincS Willens und meiner Absichten bewußt, undwerfe ich einen Blick ans meine Vergangenheit, so regt sich in mir einfast freudiger Stolz über die gute Strecke Weges, die ich bereite- zurück-gelegt. Wird meine Zukunft von ähnlichen Fortschritten zeugen'?

Aufrichtig gesagt, ich zweifle daran. Ich fühle eine sonderbareMüdigkeit des Geistes; wenn er auch in der letzten Zeit nicht vielgeschaffen, so war er doch immer auf den Beinen. Ob das, was ichüberhaupt schuf in diesem Leben, gut oder schlecht war, darüberwolle» wir nicht streiten. Genug, es war groß; ich merkte cS ander schmerzlichen Erweiterung der Seele, woraus diese Schöpfungenhervorgingen . . . und ich merke es auch an der Kleinheit der Zwerge,die davor stehen und schwindlig hinanfblinzeln . . . Ihr Blick reichtnicht bis zur Spitze, und sie stoßen sich nur die Nasen an demPicdestal jener Monumente, die ich in der Littcratur Europas auf-gepflanzt habe, zum ewigen Ruhme des deutschen Geistes. Sinddiese Monumente ganz makellos, sind sie ganz ohne Fehl und Sünde?Wahrlich, ich will auch hierüber nichts Bestimmtes behaupten. Aberwas die kleinen Leute daran auszusetzen wissen, zeugt nur von ihrereigenen putzigen Beschränktheit. Sic erinnern mich an die kleinenPariser Badands, die bei der Aufrichtung des Obelisk auf derPlace Louis XVI. über den Wert oder die Nützlichkeit dieses großenSonnenzcigers ihre respektive» Ansichten austauschten. Bei dieserGelegenheit kamen die ergötzlichsten Philistcrmcinungen zum Vor-schein. Da war ein schwindsüchtig dünner Schneider, welcher be-hauptete, der rote Stein sei nicht hart genug, um dem nordischenKlima lange zu widerstehen, und daS Schnccwasscr werde ihn baldzerbröckeln und der Wind ihn niederstürzen. Der Kerl hieß PetitJean und machte sehr schlechte Röcke, wovon kein Fetzen ans die

IS*