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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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190
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130 Novellistische Fragmente.

und wiederum in Girondisten und Montagnards, und nach solchenEinteilungen haßten und verleumdeten sie sich schon um die Wette;aber die Wissenden wußten sehr gut, daß es im Heere der deutschenRevolution eigentlich nur zwei grundverschiedene Parteien gab, diekeiner Transaktion sähig und heimlich dem blutigsten Hader cntgcgen-zürntcn. Welche von beiden schien die überwiegende? Die Wissendennntcr den Liberalen verhehlten einander nicht, daß ihre Partei, welcheden Grundsätzen der französischen FreiheitcUehre huldigte, zwar anZahl die stärkere, aber an Glanbenseifer und Hilfsmitteln die schwächeresei. In der That, jene regenerierten Dentschtiimler bildeten zwar dieMinorität, aber ihr Fanatismus, welcher mehr religiöser Art, über-flügelt leicht einen Fanatismus, den nur die Vernunft ausgebrütethat; ferner stehen ihnen jene mächtige Formeln zu Gebote, womitman den rohen Pöbel beschwört; die Worte:Vaterland, Deutschland,Glauben der Väter lt. s, w," elektrisieren die unklaren VolkSmasscnnoch immer weit sicherer, als die Worte:Menschheit, Weltbürger-tum, Vernunft der Söhne, Wahrheit , , ,!" Ich will hiermit an-deuten, daß jene Repräsentanten der Nationalität im deutschen Bodenweit tiefer wurzeln, als die Repräsentanten des Kvsmopolitismns, unddaß letztere im Kampfe mit jenen wahrscheinlich den kürzeren ziehen,wenn sie ihnen nicht schleunigst zuvorkommen ,,, durch die welsche Falle.

In Revolutionszeiten bleibt uns nur die Wahl zwischen Tötenund Sterben.

Man hat keinen Begriff von solchen Zeiten, wenn man nichtetwa? gekostet hat von dem Fieber, das alsdann die Menschen schütteltund ihnen eine ganz eigene Denk- und GcfühlSweise einhaucht. Esist unmöglich, die Worte und Thaten solcher Zeilen während derWindstille einer Friedensperiodc, wie die jetzige, zu beurteilen.

Ich weiß nicht, inwieweit obige Andeutungen einem stillenVerständnis begegnen. Unsere Nachfolger erben vielleicht unsere ge-heimen Übel, und es ist Pflicht, daß wir sie darauf hinweisen, welchesHeilmittel wir für probat hielten. Zugleich habe ich hier oben in-sinuiert, inwiefern zwischen mir und jenen Revolutionären, die denfranzösischen Jakobiuismus auf deutsche Verhältnisse übertrugen, einegewisse Verbindung stattfinden mußte . . . Trotzdem, daß mich meinepolitischen Meinungen von ihnen schiede» im Reiche des Gedankens,würde ich mich doch jederzeit denselben angeschlossen haben auf denSchlachtfeldern der That . . . Wir hatten ja gemeinschaftliche Feindeund gemeinschaftliche Gefahren.

Freilich, in ihrer trüben Befangenheit haben jene Revolutionärenie die positiven Garantien dieser natürlichen Alliance begriffen. Auchwar ich ihnen so weit Vvrausgcschritten, daß sie mich nicht mehr sahen,und in ihrer Kurzsichtigkcit glaubten sie, ich wäre zurückgeblieben.*)

*) Hier folgte ursprünglich nachstehende, später von Heine dnrchstrichene