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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
189
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 189

hört er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptetedie Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedochvon Büffelhaut. (Der schmutzige Maßmaun wollte ganz sicher gehenund trug gar keine.) Aber Bier trinken darf ein Deutscher, und ersoll es als echter Sohn Germanins; denn Tacitus spricht ganz be-stimmt von deutscher Osrsvisia. Im Bierkeller zu Güttingen mußteich ciust bewuudcru, mit welcher Gründlichkeit meine altdeutschenFreunde die Proskriptionslisten anfertigten für den Tag/wo sie zurHerrschaft gelangen würden. Wer nur im siebenten Glied von einemFranzosen, Juden oder Slavcn abstammte, ward zum Exil ver-urteilt. Wer nur im mindesten etwas gegen Jahn oder überhauptgegen altdeutsche Lächerlichkeiten geschrieben hatte, konnte sich auf denTod . gefaßt inachen, und zwar auf den Tod durchs Beil, nicht durchdie Guillotine, obgleich diese ursprünglich eine deutsche Erfindung undschon im Mittelalter bekannt war, unter dem Namendie welscheFalle". Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit, daß man ganzernsthaft debattierte: ob man einen gewissen Berliner Schriftsteller,der sich im ersten Bande seines Werkes gegen die Turnkunst aus-gesprochen hatte, bereits ans die erwähnte Proskriptionsliste setzendürfe; denn der letzte Band seines Buches sei noch nicht erschienen,und in diesem letzten Bande könne der Autor vielleicht Dinge sagen,die den inkriminierten Äußerungen des ersten Bandes eine ganzandere Bedeutung erteilen.

Sind diese dunklen Rarren, die sogenannten Deutschtümler, ganzvom Schauplatz verschwunden? Nein. Sie haben bloß ihre schwarzenRöcke, die Livree ihre Wahnsinnes, abgelegt. Die meisten entledigtensich sogar ihres weinerlich brutalen Jargons, und vermummt in denFarben und Redensarten des Liberalismus, waren sie der neuenOpposition desto gefährlicher während der politischen Sturm- undDraugperiode nach den Tagen des Julius. Ja, im Heere der deutschenRcvolutionsmänuer wimmelte es von ehemaligen Deutschtümler», diemit sauren Lippen die moderne Parole nachlallten und sogar dieMarseillaise sangen ... sie schnitten dabei die fatalsten Gesichter . . .Jedoch es galt einen gemeinschaftlichen Kampf für ein gemeinschaft-liches Interesse, für die Einheit Deutschlands, der einzigen Fort-schrittsidee, die jene frühere Opposition zu Markte gebracht. UnsereNiederlage ist vielleicht ein Glück . . . Man hätte als Waffenbrüdertreulich nebeneinander gefochten, man wäre sehr einig gewesen währendder Schlacht, sogar noch in der Stunde des Sieges . . . aber denandern Morgen wäre eine Differenz zur Sprache gekommen, die un-ausgleichbar und nur durch die ultima, ratio populorum zu schlichtenwar, nämlich durch die welsche Falle. Die Kurzsichtigen freilich unterden deutscheu Revolutionären beurteilten alles nach französischen Maß-stäben und sie sonderten sich schon in Konstitutionelle und Republikaner,